Auf dem EG-Gipfeltreffen in Maastricht am 9./10. Dezember wird es sich wieder einmal erweisen: Europa redet in vielen Zungen. Das gilt auch wortwörtlich, denn auf eine gemeinsame „Sprachenpolitik“ hat sich die Gemeinschaft bisher nicht verständigen können.

Fünfundsechzig Sprachen werden im geographischen Raum Europas gesprochen, neun davon hat sich die EG als Amtssprachen „verordnet“. Nach Artikel 1 der EG-Verordnung zur Regelung der Sprachenfrage sind Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch als Amts- und Arbeitssprachen gleichberechtigt. Luxemburgisch und Irisch gehören nicht dazu, doch kann das Irische auf Wunsch zur Verhandlungssprache beim Europäischen Gerichtshof bestimmt werden. In der Praxis beherrschen Französisch und Englisch das Feld. Spanisch ist gerade dabei, dem Deutschen im „abgeschlagenen“ Feld den dritten Platz streitig zu machen.

Inzwischen wird darüber diskutiert, ob diese Sprachenregelung in der EG aufrechterhalten werden sollte. Gemeinschaftliche Verordnungen und Richtlinien haben Gesetzeskraft und müssen daher im Entwurf und in den Endfassungen den Regierungen und Bürgern in allen Sprachen vorliegen. Darüber hinaus heißt es in einer Entschließung des Europäischen Parlaments von 1982, daß die Sprachenvielfalt selbst ein unschätzbares Kulturerbe darstelle. Kritiker verweisen jedoch auf die immens hohen Kosten. So macht allein der Übersetzungsdienst rund zwölf Prozent des gesamten Personalbestandes der EG-Kommission (13 000 Bedienstete) aus. Der Dienst, der 1990 etwa eine Million Seiten übersetzte, ist der weltweit größte. Sein Chef fordert, daß die EG-Mitgliedstaaten in Zukunft viel mehr Texte in eigener Regie übersetzen sollten.

Auch über die Erweiterung der EG um die Efta- und ehemaligen Ostblockstaaten hat sich der Dolmetschdienst schon Gedanken gemacht. So werden Dolmetscher in Polen, Ungarn und der ČSFR in den Amtssprachen der EG ausgebildet. Bei der Aufnahme neuer Staaten wird sich die Zahl der Sprachenkombinationen von heute schon 72 Sprachpaaren (bei neun Amtssprachen) drastisch erhöhen. Eine die Entwicklung steuernde Sprachpolitik der EG existiert aber nicht.

Aufgrund der hochpolitischen Sensibilität dieses Themas hat auch der Europarat bisher keinen großen Erfolg gehabt. Er bemüht sich seit einem Jahrzehnt, eine Charta der Regional- und Minderheitensprachen zu verabschieden, die den sprachlichen Minderheiten weitgehende Rechte für den Gebrauch ihrer Muttersprache im Erziehungswesen, in der öffentlichen Verwaltung und in den Massenmedien garantieren soll. Nationalstaatliche Widerstände der Regierungen (insbesondere von Großbritannien, Frankreich, Griechenland und Spanien) und die Schwerfälligkeit des Instanzenweges legen jedoch den Schluß nahe, daß Europa für ein tolerantes gemeinsames Sprachenrecht noch nicht aufgeschlossen ist.

Ein Beispiel dafür, wie beharrliche Bemühungen erfolgreich sein können, gaben die Katalanen (deren Bevölkerungszahl größer ist als die der Dänen). So gibt es beispielsweise eine offiziöse Übersetzung der EG-Verträge ins Katalanische. Zudem verabschiedete das Europäische Parlament am 11. Dezember 1990 eine Resolution, die Katalanisch als offizielle Sprache – zumindest in den Beziehungen der EG zu Katalonien – fördern und ihren Gebrauch sicherstellen soll. Die autonome katalanische Landesregierung, die die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona vorbereitet, hat vier olympische Sprachen auserkoren: Spanisch, Französisch, Englisch – und Katalanisch.

Uwe Korch