Es war einmal ein kleiner Junge, der wußte schon ganz lange vor Weihnachten, daß bald Weihnachten sein würde. Woher er das wußte? Das war nicht so schwer zu merken, denn in den Straßen leuchteten tausend Lichter, in den Kaufhäusern hingen Tannenbäume von den Decken, und seine Mutter schimpfte im Drogeriemarkt, daß vor lauter Adventskrempel überhaupt kein Durchkommen mehr sei.

Da wurde der kleine Junge immer aufgeregter und auch ein bißchen blasser und fragte siebzehnmal pro Tag, wann denn endlich das Warten auf Weihnachten, der Advent, beginne? Um ihm die Zeit ein bißchen abzukürzen, erzählte ihm seine Mutter von dem Jungen Jeremy James, der schon vor langer Zeit herausgefunden hatte: Das Dumme an Weihnachten ist die Zeit dazwischen. Zwischen irgendwann und Weihnachten, denn "wenn nichts dazwischen wäre, hätten wir jetzt Weihnachten, und ich brauchte nicht auf meine Geschenke zu warten".

Das fand der kleine Junge auch, und die Zeit war immer noch so furchtbar lang. Da erzählte die Mutter weiter: von dem Nikolaus, der über Nacht komme und ihm etwas in den Stiefel stecke, falls er nicht vergesse, ihn vor die Tür zu stellen. Der kleine Junge guckte besorgt, denn alles, was über Nacht passieren kann, ist ihm sehr unheimlich. Dann aber dachte er ans vergangene Jahr, an die Marzipankartoffeln und Schokoladenkugeln in Papas Skistiefel, den er hatte ausleihen dürfen, weil der am allergrößten war. Da fand er den Nikolaus wieder sympathischer. Immer wieder wachte er nachts auf, weil er im Treppenhaus Schritte gehört hatte.

Ein bißchen unausgeschlafen fühlte sich die Mutter in dieser Zeit, aber das ging ihrem Sohn ganz ähnlich. Im Kindergarten sang er täglich Morgenkinderwirdswasge- ben und stritt sich mit einem anderen kleinen Jungen, dessen Mutter behauptet hatte, der Nikolaus komme durch den Schornstein. Das empörte ihn, denn der Nikolaus sei doch viel zu groß und sein Sack viel zu dick, um durch den engen Schornstein zu passen. Die Mutter gab ihm recht und dachte darüber nach, daß die Weihnachtszeit erst mit Kindern wieder so richtig schön sei.

Abends las sie dem kleinen Jungen ein Bilderbuch vor, die Geschichte von dem Zoo-Pinguin, der zum Nordpol fährt, um den Weihnachtsmann zu besuchen. Als sie zu Ende waren, saß der kleine Junge eine Zeitlang ganz still, was selten genug vorkommt, und sagte dann fast weinerlich: "Aber Mama, du hast mir erzählt, der Weihnachtsmann wohnt im Himmel bei den Engeln, und die backen jetzt ganz viele Plätzchen, und der Weihnachtsmann darf als einziger naschen. Und von einem Schlitten mit Rentieren davor und dem Nordpol mit Eis und Schnee hast du überhaupt nichts erzählt."

Da saß die Mutter auch ganz still und fand, daß die Zeit dazwischen wirklich ganz schön lang sei, aber das sagte sie nicht. Sondern murmelte was von Dingen, die auch die Erwachsenen nicht so genau wüßten. "Und warum", beharrte der kleine Junge, "haben wir dann meinen Wunschzettel auf die Fensterbank gelegt und Himmelspforte 7 draufgeschrieben, wenn du die Adresse auch nicht so genau weißt? Und warum sagt die Oma, daß bald das Christkind kommt und die Geschenke bringt? Das liegt doch in der Krippe mit Heu und ist noch ein Baby. Muß dann der Gott die Geschenke mit tragen helfen? Und fährt der mit dem Jesusbaby auch auf einem Rentierschlitten?"

Doch noch bevor die Mutter all die möglichen Antworten in ihrem Kopf hin- und herdrehen konnte, waren dem kleinen Jungen die Augen zugefallen, und das war vielleicht auch besser so. Seine Mutter saß ratlos auf der Bettkante und wußte nicht mehr aus noch ein inmitten all der Weihnachts-Geschichten. Und wenn nicht endlich Heiligabend geworden ist, dann sitzt sie heute noch da. Iris Mainka