m griffigen Brevierformat, das in jede Tasche paßt, sich in die Hand geradezu hineinschmeichelt und aufgeblättert werden will, präsentiert sich die von der Märchensammlerin, Übersetzerin und Illustratorin Helga Gebert gestaltete Reihe, in der, nach herkömmlichen wie Hauffs, Grimms, und Bechsteins Märchen, nach den "Märchen der Verwandlung" und den "Märchen der Frauen", nun die "Märchen der Männer" vorgelegt werden.

Schon die Einbände geben einen Vorgeschmack von dem, was einen zwischen den Deckeln erwartet: Blüten, seltsame Schriftzeichen und Fabeltiere, Medaillons, Köpfe, Arabesken — ein Reichtum, wie man ihn in gleicher Fülle höchstens auf den Blättern eines französischen Stundenbuchs aus dem 15. Jahrhundert wiedertrifft. Kleine Kunstwerke auch die Initialen und Bildtafeln im Text, Ölmalereien mit Anklängen an indische Miniaturen der Mogul Schule.

Die ausgewählten Märchen stammen aus dem Erzählschatz der halben Welt. Karawanen mit kostbaren Geschenken ziehen von Khalistan nach Nekabad; goldene Äpfel werden gestohlen, goldene Vögel entführt und Dämonen gekämmt; Prinzen verlieben sich in "bezaubernd schöne Bildnisse" und suchen so zielstrebig wie sehnsüchtig nach dem Schwanenmädchen, dem Mädchen mit den traurigen Augen oder nach der Königstochter, die ihr Haar verlor. Helden mit Beinamen wie "der Einfältige", "Ohnebein" oder "Bruder Ungeschick" begegnen lachenden Blumen, teetrinkenden Schlangen und benutzen den Vogel Phönix als Reittier. Die den Helden abverlangten Tugenden und Fähigkeiten sind von gänzlich anderer Art als jene in den "Märchen der Frauen". Es dominieren Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen, Mut und die Bereitschaft, alles für eine Idee, einen Traum aufs Spiel zu setzen. Aber wie dort begegnet man auch hier, ungeachtet der abendländischen oder orientalischen Erzähltradition, immer wieder feststehenden Typen.

Vergleichbar dem Narren der Tarotkarten, der den weltfremden Jüngling verkörpert, mit dem Bündel des noch ungenutzten Wissens, dem Hund als Stimme des Instinkts und der weißen Rose als Sinnbild der Reinheit und Unerfahrenheit versehen, erwerben sich die jüngsten Söhne und Dummlinge der Märchen, gleichsam noch im Spiel, die Welt, den Preis und das Glück. Sie bestehen, wo andere — älter, erfahrener und klüger — scheitern. Ihnen ähnlich ist der Typus des Bruder Leichtfuß: Taugenichts und edler Räuber, Flunkerheini und Erzschelm. Auch er ist den Normen der Erwachsenenwelt nie so Untertan geworden, daß es ihm nicht gelänge, sie mit List und Witz auf den Kopf zu stellen — zu seinem eigenen Vorteil.

Eine andere Tarotkarte, der Herrscher, findet seine Entsprechung in der Person des Vaters und alten Königs: der strenge, ja grausame Erzieher, starr und intuitionslos, dem Ordnung zum Selbstzweck wird, der Patriarch schlechthin und Vertreter althergebrachter Gesetze.

Als beliebtes Motiv der "Männermärchen" kennt man den Freundschaftsbund ungleicher Gefährten, dem kein Zauberer gewachsen ist, halb adoleszente Kumpanei, halb Zusammenschluß mit militaristischem Ziel, der die zu bestehenden Prüfungen zur Gemeinschaftsaufgabe macht.

Die Gegenspieler, mit denen die Helden sich zu messen haben, sind bezeichnenderweise ausschließlich Männer, meist übermächtige Kräfte in Gestalt von Magiern oder Hexern, mythologische Wesen, die Gut und Böse nicht selten in sich vereinen. Sie hüten die in ihrer Gewalt befindlichen symbolischen Gegenstände oder das schöne Mädchen, Element der Liebe, um den Preis der Einsamkeit und müssen sie schließlich doch verlieren.