Von Matthias Naß

Frieden zu Weihnachten? Nach fünf Monaten Krieg keimt in Jugoslawien plötzlich Hoffnung. Noch schweigen die Waffen nicht, aber in manchen Kampfgebieten klingt der Gefechtslärm ab. Weil nun alle – Serben, Kroaten und die jugoslawische Bundesregierung – nach den Blauhelmen der Vereinten Nationen rufen, wächst die Erwartung in der Bevölkerung, es könne bald ein Ende des Gemetzels geben. Die eigenen Truppen brachten Tod und Verwüstung, nun sollen fremde Soldaten den Frieden schaffen.

Vielleicht sind die Hoffnungen verfrüht, die Erwartungen zu hoch gespannt. Aber zum ersten Mal zeichnet sich ein Ausweg aus der mörderischen Umklammerung der Kriegsgegner ab. Erfolglos hatte sich die Europäische Gemeinschaft um eine Vermittlung bemüht. Endlich, als auch der dreizehnte Waffenstillstand nicht hielt, als Vukovar in Trümmern lag, gab ihr Unterhändler Lord Carrington den Stab an den UN-Sonderbeauftragten Cyrus Vance weiter. Dem ehemaligen amerikanischen Außenminister gelang der Durchbruch, so jedenfalls scheint es bisher, und zwar am 23. November in Genf, als er dort mit dem serbischen Präsidenten Milošević, dem kroatischen Präsidenten Tudjman und dem jugoslawischen Verteidigungsminister Kadijevic die vierzehnte Feuerpause vereinbarte.

Zwar wurde auch dieser Waffenstillstand gebrochen. Aber in zwei entscheidenden Punkten halten sich die Konfliktparteien an ihre Zusagen: Die kroatische Nationalgarde hob die Blockade über die Kasernen der Bundesarmee auf; die Armee begann mit ihrem Abzug aus Zagreb in die Nachbarrepublik Bosnien-Herzegowina.

Vier Tage nach dem Treffen in Genf trat in New York der Weltsicherheitsrat zusammen. Vor allem die Bonner Regierung hatte eine Sondersitzung des UN-Gremiums gefordert, das bis dahin nur geringes Interesse am Krieg auf dem Balkan gezeigt hatte. Aber auch Franzosen, Briten und Belgier als Vertreter der EG im Sicherheitsrat drängten zum Handeln. Gemeinsam legten sie einen Resolutionsentwurf vor, der die baldige Entsendung einer UN-Friedenstruppe nach Jugoslawien vorsah.

Bedenken dagegen erhoben die Vertreter der Dritten Welt, besonders die Chinesen und die Inder. Aus Sicht der "Blockfreien", dem ehemals führenden Mitglied ihrer von Tito mitbegründeten Bewegung besonders verbunden, handelt es sich in Jugoslawien um einen Bürgerkrieg, für den die Weltorganisation nach ihrer Satzung nicht zuständig ist. Jedes Eingreifen der Vereinten Nationen, so argumentieren sie, wäre eine unerlaubte Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates.

Erst der jugoslawische UN-Botschafter Darko Silovic, der ein Schreiben seiner Regierung mit der formellen Bitte um Entsendung von Friedenstruppen verlas, konnte die Einwände der "Blockfreien" entkräften. Die Bitte Belgrads, erklärte Silovic, entspreche dem ausdrücklichen Wunsch aller Konfliktparteien: "Es wird erwartet, daß der Sicherheitsrat unverzüglich handelt und die notwendige Entscheidung für eine solche Operation so schnell wie möglich trifft." Dieses Schreiben der Regierung eines Staates, der faktisch nicht mehr besteht, berichtet ein Diplomat in New York, lieferte den Blockfreien das "Feigenblatt" für ihre Zustimmung zum Resolutionsentwurf der Europäer.