Als Peter Weiss im Sommer 1970 über seinen "Fluchtpunkt" im Politischen hinaus einen privaten "Grenzpunkt" erreicht hatte und mit dem Tod rang, legte er ein Tagebuch an. Anders als seine Notizbücher sollten diese Aufzeichnungen dem Schwerkranken noch einmal Auskunft darüber geben, welche Ungeheuer es waren, die ihn im Traum überkamen, wenn der Verstand schlief. Seit Jahren hatte sich Peter Weiss von jenen Caprichos jenseits des politischen Tageskampfes abgewandt, jetzt hatten ihn die Dämonen und Gaukler, die Prostituierten und einsamen Gestalten seiner frühen Bilder wieder eingeholt. Nachts lockten sie den Kranken in eine "Art Totenreich, das doch nicht im geringsten schattenhaft war, sondern intensive Begegnungen zuließ und Emotionen, die zu Tränen oder zu wildem Gelächter führten. Hier ( ) spielte sich mein eigentliches Dasein ab, unter Vorzeichen, die ich früher Flucht genannt, hatte "

Die erste Eintragung des jetzt unter dem Titel "Rekonvaleszenz" veröffentlichten Tagebuchs trägt das Datum vom 10. August 1970, die letzte ist mit dem Neujahrstag des darauffolgenden Jahres datiert. Schreibend wollte sich Peter Weiss, gereift an Enttäuschungen aus den politischen wie künstlerischen Auseinandersetzungen der sechziger Jahre, noch einmal seinen Träumen und "inneren Monologen" stellen.

Die direkte Konfrontation mit dem Tod und die körperliche Schwäche, die den Kranken vom üblichen Arbeitspensum zwischen Bibliothek, Archiv und Schreibtisch fernhielten, legten eine Beschäftigung mit seelischen Vorgängen, mit vordergründig "Unpolitischem" nahe. Doch ebensowenig wie es Kurt Tucholsky gelungen war, das Politische aus seinen "Q Tagebüchern" an Nuna auszugrenzen, konnte Peter Weiss gesundet zu frühen Arbeiten und ihren starken Impulsen aus dem Reich des Unbewußten zurückfinden. Seine Aufzeichnungen von 197071, zwischen der Uraufführung von "Trotzki" und der Manuskriptabgabe von "Hölderlin", waren schon nach wenigen Eintragungen ein weiteres, auch politisch ausgerichtetes Notizbuch geworden.

"Rekonvaleszenz", das sind mehr als zweihundert Sehen, mit Marginalien zur Biographie und Materialien zu einzelnen Arbeiten, Werkstattbericht des Schriftstellers Weiss, vor allem aber ein Lesebuch zur Zeitgeschichte, in dem politisches Credo und privates Bekenntnis verflochten sind; das Tagebuch des Rekonvaleszenten ist Diskurs über die Mächte der Innenwelt und die Mächtigen der Außenwelt. Letztere siegten über das ursprüngliche "Anliegen": "Ich weiß nicht, ob ich einen Fehler beging, indem ich ein Anliegen wieder beiseite drängte und mich in eingefahrene Spuren zurückgleiten ließ. Doch bin ich unlöslich verbunden mit den Problemen und Kontroversen der Außenwelt ( ), jeder Versuch, sich davon zu entfernen, ist eine Illusion, denn es ist nichts vorhanden in mir, was nicht seinen Ursprung, seinen Anstoß fand in der greifbaren Realität "

"Rekonvaleszenz" ist nicht das erwartete, von manchen vielleicht sogar erhoffte Bekenntnisbuch eines leidenschaftlich geschmähten Linksradikalen und vermeintlichen Doktrinärs. Das Tagebuch ist ein literarisches Forum offen ausgetragener Konflikte und Widersprüche. Das Unterbewußte einbeziehend, ist es sowohl antikapitalistisches Manifest als auch Abrechnung mit Moskau. Klar und unmißverständlich: die Haltung gegenüber den Kulturfunktionären der DDR. Bereits 1970 stellte Peter Weiss die Frage, warum sich Wolf Biermann, stellvertretend für alle jenseits der Mauer, allein "heiser schrein" müsse. Die Antwort darauf war für ihn die Zerschlagung des Prager Frühlings. Ausgerechnet Politiker, von denen viele selbst Exil, Gefängnis oder Konzentrationslager überlebt hatten, beschränkten die Freiheit des einzelnen jetzt im Namen des Sozialismus: "Allein, daß wir immer wieder daran erinnern müssen, Sozialismus und Freiheit seien untrennbar miteinander verbundene Begriffe, diskreditiert uns selbst. Mit der Überrollung der tschechoslowakischen Demokratisierungsversuche wurde der Auseinanderbruch definitiv, und täglich verhärtet er sich, beim Erfahren der Schmähreden, der Strafmaßnahmen gegen diejenigen, die es wagen, ihre Stimme der Kritik innerhalb der Sowjetunion zu erheben "

Peter Weiss fiel in Ungnade. Angefeindet nicht mehr nur im Westen, verlor der gerade noch mit dem Heinrich Mann Preis ausgezeichnete Genösse die Gunst der Ostberliner Akademie. Wie er am 8. November 1970 notierte, blieben als Folge seiner offiziellen "Ernennung zum Klassenfeind" sämtliche Briefe, in denen er eine offene Diskussion forderte, unbeantwortet. Solange Weiss den Angriffskrieg der USA in Vietnam verurteilt hatte, war er willkommen, Kritik an der Sowjetunion aber konnte gerade bei einem Preisträger der Akademie keinesfalls geduldet werden. In sein Tagebuch hatte der erst Geehrte, dann Verfemte notiert: "In Anbetracht der im Konflikt mit der CSSR gezeigten Gewaltsamkeit und Gespensterfurcht, der Verständnislosigkeit und Härte gegenüber der italienischen Manifesto Gruppe, der Verunglimpfung des Maiaufstands in Paris, der antisemitischen Tendenzen, der Verfolgung nonkonformistischer Autoren und Künstler, der undemokratischen Produktionsverhältnisse, scheint die Sowjetunion die Möglichkeit zu zeitgemäßer Veränderung verloren zu haben Peter Weiss hatte sich mit dieser Kritik endgültig zwischen die Fronten gestellt. Günter Grass, der damals nicht nur Zunge und Graphik, sondern auch noch Flagge zeigte, beschimpfte den ungeliebten Dokumentarschriftsteller, der sich der Schleimspur seiner Schnecke in den Weg stellte, öffentlich. Ihm und der Gruppe 47 ist in "Rekonvalezenz" ein Abschnitt gewidmet, der sich klagend und anklagend mit Methoden der Literaturlenkung in Ost- und Westdeutschland auseinandersetzt.

Der Reiz des jetzt vollständig veröffentlichten Tagebuches liegt im Nebeneinander von Essay, Traumprotokoll und Pamphlet. Neuen Lesern erschließt sich so das Gesamtwerk von Peter Weiss, vom surrealistischen Vorspiel der frühen Schriften über die Kafkas "Briefe an den Vater" fortschreibenden Romane bis hin zu politischer Dokumentarliteratur und der "Ästhetik des Widerstands".