Von Ulrich Schiller

Washington, im Dezember

Optimist schlägt Pessimist. Das ist eine alte Faustregel amerikanischer Lebensbehauptung. Ronald Reagan hatte sie der fortschrittsgläubigen Nation noch einmal mitgegeben. Doch gleichzeitig veränderte er die Regel auch, wie Lester Thurow vom Massachusetts Institute of Technology kürzlich anmerkte. Seit Reagan nämlich gelte, daß der Optimist Probleme ignoriere, während jener, der Probleme erkenne, als Pessimist zu gelten habe.

George Bush hat lange versucht, den Einsichten seines Vorgängers zu folgen. Er hat die anhaltende Rezession ebenso geleugnet wie die Strukturprobleme der amerikanischen Wirtschaft. Er hat innenpolitisch den Kopf in den Sand gesteckt – als könne sich der Präsident damit begnügen, sein eigener Außenminister zu sein. Jetzt hat er zum ersten Mal auf die Krise reagiert. Der Rücktritt seines umstrittenen und angefeindeten Stabschefs John Sununu dürfte nicht so freiwillig erfolgt sein, wie es dargestellt wird.

Dennoch glaubt Bush wie offenbar die Mehrzahl seiner republikanischen Parteistrategen immer noch an die schnelle Heilbarkeit wirtschaftlicher und sozialer Krisenerscheinungen. Mit dem Glanz des Golfkrieges, der so gnädig auf ihn fiel, war auf die Dauer eben auch kein Staat zu machen. Der Absturz in der Popularitätsrate war entsprechend brutal: Die Zahl der Amerikaner, die dem Präsidenten gute Arbeit bescheinigen, ist von 89 Prozent im März auf jetzt 46 Prozent gesunken.

Gallup hat im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ermittelt, nur noch 35 Prozent der Amerikaner seien damit zufrieden, wie "die Dinge in den Vereinigten Staaten jetzt laufen". Und die für die Amerikaner gegenwärtig wichtigsten Themen sind laut Gallup die wirtschaftliche Lage, die Arbeitslosigkeit, Bildung und Erziehung sowie Gesundheitsfürsorge; erst auf dem vorletzten und letzten Platz der Prioritätenskala der Nation erscheinen Außenpolitik und Verteidigung.

Das schlimme ist, daß die Vereinigten Staaten gegen die vielseitigen Bedrohungen im Innern nicht gerüstet sind oder gar nicht den Willen haben, ihnen mit einer langfristigen Strategie zu begegnen. Lester Thurow spricht von einem "Mysterium": Niemand denkt an die Zukunft; Amerika spare und investiere nicht genug.