Von Norbert Grob

Vor dem Drama die Legende, Erklärung und Hinweis zugleich. Der indianische Jäger, der dem Wild folgt, verwandle sich im Lauf, heißt es. Er jagt, er rennt, und plötzlich zählt nur noch, was er tut. Er verliert sein Ziel – und findet seinen Weg: Er ist bereit, den Atem seines Opfers einzusaugen.

Danach eine Jagd, hier und heute. Zwei Autos rasen hintereinander her, vorne der Nervöse, der bloß wegwill, flüchten; hinten der Ruhige, Ordentliche, der einfach seinen Job tut – der American Robber und der Highway Patrolman. Kurz vor der Grenze stoppt der Gauner, ein Lächeln liegt auf seinem Gesicht. Er rennt ins Freie, greift zur Waffe und schießt. Der Polizist geht in Deckung, zögert, schießt zurück – und tötet. "My name is Joe Roberts I work for the State / ... I always done an honest job as honest as I could".

Nach einem Song von Bruce Springsteen ist dieser Film entstanden. Das hat seine Stimmung geprägt – und seinen besonderen Rhythmus. Die Geschichte ist nicht en detail entwickelt, sie ist komponiert, phrasiert, improvisiert – und oft nur zusammengeflickt. Wie Fetzen kleben die Szenen aneinander, als habe Sean Penn nach dem Dreh alle seine schönen Bilder weggeworfen und bloß die outtakes verwendet. Die Verfolgungsjagd zu Beginn etwa ist mehr zu hören als zu sehen. Reifen quietschen, Motoren heulen auf, Sirenen jaulen. Zu sehen aber sind Blicke in die Landschaft drum herum, so als spüre Penn den Wirkungen nach, die dieses aufgeregte Handeln in der Weite hinterläßt. Dabei ist auf einem Schild neben der Straße das Verbot zu lesen: "No hunting!"

Der Film bleibt ganz eng an Handlung, Perspektive und Klangfarbe des Songs, ohne daß er ihn einfach nur visualisierte. Penn bietet Assoziationen, die weiterspinnen, was Springsteen bloß beschreibt: "My name is Joe Roberts I work for the State / ... I got a brother named Franky and Franky ain’t no good". Mit dem Bruder Franky, der "nicht gut ist", kommt ein neuer, düsterer Ton in den Film. Er sorgt dafür, daß hinter dem geschönten Alltag in der Provinz die wirklichen Verhältnisse sichtbar werden. Er ist der zwielichtige good bad guy, der dem braven Helden den Spiegel vorhält. Er zerreißt schließlich das Einverständnis, den Kompromiß, um nicht zu versinken im gängigen Einerlei. Er flippt aus, tötet, auch weil er es braucht, den Atem seiner Opfer einzusaugen. Und die Kamera blickt auf das Schreckliche, als sei es das Natürlichste der Welt. So kommt Penn zu seiner eigentlichen Vision: daß gerade im Natürlichen das Allerschrecklichste sich verbirgt.

(Ein kleiner Exkurs zu den Kinos, in denen dieser Film läuft: Die großen Säle bieten momentan nur Raum für Feldherren, die Spannung als gigantische Anstrengung mißverstehen, als unentwegtes Durcheinander militanter Effekte. Vielleicht ist Penns Film deshalb nur etwas für die – neben den Filmmuseen – allerbesten Kinos unserer Republik: für Kinos wie das Münchner Werkstatt-Kino oder das Berliner Sputnik. Ich habe den Film in einem dieser kleineren Räume gesehen: im fünften Stock eines dritten Hinterhof-Kinos mit vierzehn Plätzen. Neben mir ein einziger Zuschauer. Nur hier, scheint es, ist es noch möglich, ohne jedes Geknister und Geschwätz einfach zu staunen über Bilder, die noch eine authentische Stimmung unserer Zeit zu vermitteln suchen.)

Die abenteuerlichste Facette des Films: wie die Familie zerfällt, obwohl niemand das will. "Me and Franky laughin’ and drinkin’ / Nothin’ feels better than blood on blood". Doch nichts geht mehr, nichts stimmt mehr. Die Mutter schimpft auf Franky und lobt ihren Joe, bevor sie stirbt. Der Vater sorgt sich noch um defektes Linoleum in der Küche, bevor er sich eine Kugel in den Kopf schießt. Und die beiden Brüder bleiben sich fremd, selbst in ihren innigsten Momenten. Er sei anders, erklärt Franky seinem Bruder einmal. Er sei ein Indian runner: Nur im Handeln komme er zu seiner Bestimmung, nur da finde er seinen Weg und werde selbst zur Botschaft.