Von Fergus Pyle

DUBLIN. – Nach achtzehn Jahren Mitgliedschaft ist Irlands Verhältnis zur EG immer noch von einer seltsamen Ambivalenz geprägt. Es wäre falsch, diese Beziehung als Haßliebe zu bezeichnen, denn das Gefühl, Europäer zu sein, ist bei uns Iren – so nationalbewußt wir auch sein mögen – sehr tief verwurzelt. Ohne einen Blick für die langfristigen Konsequenzen unterschrieben wir 1973 leichten Herzens und voller Erwartungen unsere Beitrittserklärung. Ausschlaggebend dafür war die Wirtschaftsmisere des Landes. Besonders für die Landwirtschaft erhofften wir uns Vorteile. Die offizielle Prognose, daß sich die Einkommen der Bauern in den ersten fünf Jahren der Mitgliedschaft nahezu verdoppeln würden, wurde – dank bestimmter Übergangsregelungen, des hohen jährlichen Preisanstieges und schwankender Wechselkurse – dann sogar noch übertroffen.

Aber viele Iren waren auch begeistert von der Perspektive, die endlich Unabhängigkeit von den Briten – also das Ende der postkolonialen Ära – versprach.

All diese Überlegungen führten dazu, daß die Volksabstimmung 1972 über Irlands EG-Beitritt eine überwältigende Mehrheit erbrachte. Es gab auch einige Gegenstimmen, überwiegend aus dem linken Lager, denn viele Wähler befürchteten den Verlust von Irlands Souveränität und traditioneller Neutralität. Auch die Arbeitsplätze in der Industrie sahen einige unserer Landsleute bedroht. Doch die meisten Zweifel wurden aus dem Weg geräumt mit dem Argument, daß das Land gar keine andere Wahl hatte als beizutreten. Da die Briten unbedingt Mitglied werden wollten, wäre Irlands Alternative die Isolation am Rande Europas gewesen – nicht gerade eine splendid Isolation.

Und so traten wir bei, mehr oder weniger freiwillig, zuversichtlich und in gutem Glauben. Eine echte politische Philosophie hatten wir nicht. Aufgrund unserer Neutralität interessierten wir uns auch herzlich wenig für alles, was nichts mit Ökonomie zu tun hatte.

Wir wollen nicht bestreiten, daß sich in den vergangenen achtzehn Jahren einiges geändert hat. Die Weltsicht der Iren und insbesondere ihr Verhältnis zu Europa haben sich zutiefst gewandelt. Die bis in die siebziger Jahre hinein durch und durch religiös geprägte Gesellschaft wird nun von einer jüngeren Generation radikal in Frage gestellt. Bei uns hat sich auch keine Fraktion von „Euro-Skeptikern“ wie etwa die Thatcher-Clique bei den britischen Konservativen gebildet. Die wichtigsten politischen Parteien Irlands begrüßen ein engeres Zusammenwachsen Europas auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Aber keine der Parteien hat je eine Debatte über die Konsequenzen geführt.

Manche Beobachter werfen der Koalitionsregierung von Ministerpräsident Haughey nun vor, sie stehe den Zielen von Maastricht zu zögernd gegenüber, besonders wenn es um die Aufwertung des Europäischen Parlamentes geht. Aber ein viel größerer Fehler unserer Regierung ist das Abblocken der Diskussion im eigenen Lande.