Wohl wahr, hätte Eva nicht so kraftvoll zugebissen, wir säßen noch heute als glücklich grinsende Nackedeis im Garten der Lüste. So aber blieben nur die Götter nackt und ihre der Urmasse entkrochenen Erdenwürmer schwer mit Fluch beladen: Die Denkkappe wuchs zum Hirnerweichen und mit ihr die moderne Erkenntnis, daß Elysium im Eimer und Ich ein anderer ist. Seit den Diagnosen vom heillosen Sprung in der abendländischen Bewußtseinsschüssel freilich kommen Drogisten und Dichter immer besser ins Geschäft; denn "potente Gehirne", so Doktor Benn ad usum proprium, "stärken sich nicht durch Milch, sondern durch Alkaloide". Für den Prenzlauer Berg Poeten Durs Grünbein, Jahrgang 62, gehört die Kommunikation mit den literarischen Vorfahren zum täglichen Arbeitspensum. Mit ihnen teilt er nicht nur die Vorliebe für gewisse Stimulanzien ("Ohne Drogen läuft nichts Hier im Irrgang der Zeichen"), sondern mehr noch jenes neuzeitliche Leiden, das "am Bewußtsein leiden" heißt.

"Schädelbasislektion" ist Grünbeins zweiter Gedichtband. Als der Autor 1988 mit der Sammlung "Grauzone morgens" debütierte, zeigten sich seine Poeme noch "in Augenhöhe" des sozialistischen Alltagsgeschehens. In glasscharfen Momentaufnahmen registrierten sie die Aporien einer Generation, die der SED Staat in die urbane Subkultur getrieben hatte. Aus und passe: "Komm zu dir Gedicht, Berlins Mauer ist offen jetzt. Wehleid des Wartens, Langweile in Hegels Schmalland Vorbei wie das stählerne Schweigen Heil Stalin ("121189") Doch wo das Alte endete, beginnt seither nichts Neues: "In den verödeten Kanälen treibt Nur die Erinnerung an Schlimmeres Durch das Gedicht "In Tunneln der U Bahn" schwappt "die Gedächtniswelle aus 1000 verpaßten Gelegenheiten", und zur akuten Lage der Stagnation bleibt nur die Meldung: "Vorm Fernseher die Toten". Die Gegenwart führt in keine Zukunft, sie staut bloß die Vergangenheit. Grünbeins lyrische Lektionen, bald mit giftigexpressivem Pathos vorgetragen ("Der kranken Väter Brut sind wir"), bald in düsteren Farben kunstvoll an die Wand gemalt, sind Mitteilungen eines Poeten auf der Flucht. Der Wirklichkeit und einer verluderten Sprache ("zu jeder Schandtat bereit") längst überdrüssig, drängt es ihn aus den ordinären Denk- und Wahrnehmungsrastern hinaus und tief hinab in atavistische Erlebniswelten, ins Reich der entregelten Sinne, wo "Fürst Unbewußt" regiert und aus imaginären Sümpfen das Blubbern der Urbiologie steigt. Fremde Gegend, neue Lektionen: " dieses Ich. Besser Es läge noch immer vor seinem Schlag aus der Art Glücklich im Koma "

Tut es aber nicht. Zurück vom Trip an den "Schlammgrund" und bei Verstand ist es wieder das "metaphysische Tier", eingepfercht "diesseits von Raum und Zeit". Das lyrische Ich ist zerrissen: hier vom eigenen Bewußtsein bewacht, dort für kurze Momente dem Ich Zwinger entronnen — lange genug indes, um sich selbst zum Rätsel zu werden: "Was ich hier soll, ich weiß es nicht, bin "

Waren Grünbeins Debüt Gedichte noch Spiegelungen einer äußeren Wirklichkeit, so ist aus dem Großstadtflaneur nun ein Grenzgänger im Niemandsland geworden, unterwegs zwischen Rausch und Realität, Mythos und Misere. Ein armer Hund auf dem "Hyänengang hungriger Poesie". Michael Kohtes Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991; 154 S, 25 - DM