Die Konvention will es so: Müsli und Yoga, lange Haare und sackartige Textilien haben als Insignien für säuerliche Ex 68er zu gelten. Aber ist das ein Grund, einem Jugendroman mit Tempo und Witz einen so behäbigen Titel wie "Alle Macht dem Müsli?" aufzupappen? "Moonkid und Liberty" heißt der Titel des Originals, denn Moonkid und Liberty, die Kinder eines Alt68ers, erzählen uns ihre Geschichte. Der "Mondknabe" ist lan, eine dreizehnjährige Intelligenzbestie, altklug, abgeklärt und redselig, der sich als außerirdische Existenz empfindet und die "Erdlinge" von oben sieht. Insbesondere seine Schwester Liberty, Libby gerufen, verfällt seinem Verdikt, als sie sich einen neuen Pullover kauft, einen echten Hin Gucci für 125 Dollar. Libbys Clique mitsamt ihrer neuen Äußerlichkeit nerven ihren Bruder Giftzahn: "Ich hab gar nicht gewußt, daß es so enge Strumpfhosen gibt, die an deine dürren Beine passen "

Aber halt, jetzt ist Libby dran, denn in diesem Buch erzählen zwei, immer schön der Reihe nach. Für Libby bedeuten die neuen Kleider und der Eintritt in den Zirkel der hochnäsigen Mitschüler eine Gegenwelt zum Vater, der nervtötend unzugänglich auf dem Fußboden hockt (PranayamaSitz) und erfolglos einen Buchladen (Schwerpunkt "Das sozialistische Albanien") betreibt: "Kein Wunder, daß uns alle für bescheuert hielten " Eine eigenartig gelungene Melange hat Paul Kropp, Lehrer an einer High School in Toronto, da von seinen zwei Kids zubereiten lassen. Der schnoddrig schlaue Reigen ist aber schwungvoll genug erzählt, um auch einige Passagen, in denen die Botschaft der Toleranz etwas aufgesetzt wirkt, leichtfüßig hinter sich zu lassen.

Gestört wird die Dreisamkeit, als sich nach fünf Jahren eines Tages die Mutter meldet und ihre Kinder zu einem Besuch ins jung urbane Kalifornien einlädt. Für Libby bedeutet das Angebot, künftig bei der Mutter zu leben und dort zu studieren, eine schwierige Entscheidung. Der Vater reagiert: Aus der Albanien Klitsche macht er eine richtige Buchhandlung "Ricks Bücherstube" erstrahlt im Neonglanze und hält ein breitgefächertes Angebot bereit. Den örtlichen Behörden zu breit: Nach wenigen Tagen sitzt Rick in U Haft, Vorwurf: Vertrieb homosexueller Pornographie. Jetzt müssen die drei zusammenhalten, gegen die Kampagne der Lokalpresse, gegen widerliche Anrufer und die Schweigemauer ehemaliger "Freunde". Aber dies ist kein Buch, in dem das schlecht ausgehen könnte. Am Ende floriert das Buchgeschäft, und Erdung lan, gerade der Hochbegabtenförderung entschlüpft, weiß auch, warum: "Ich führe den Erfolg auf die scharfsinnige Auswahl der Bücher zurück — die Bestellungen mache nämlich ich "

Abschließender Befund: intelligentes Lesefutter, ganz eindeutig. Aber Vorsicht, meint Moonkid, nicht zuviel davon, auch tüchtig Fernsehen gukken: "Kein Wunder, daß Libby und ich so komisch wurden, da wir ohne diese Zauberkiste aufwuchsen. Mir war gar nicht bewußt gewesen, daß das wirkliche Leben alle zwanzig Sekunden von Gelächter unterbrochen wird "

Paul Kropp:

Alle Macht dem Müsli?

Aus dem Amerikanischen von Cornelia KrutzArnold; Verlag Sauerländer, Aarau und FrankfurtMain 1991; 160 S, 26 80 DM