Kurz vor dem Ziel, am bayerisch-tschechoslowakischen Grenzübergang Furth im Wald, endete die Schmuggelfahrt des Lastwagens aus Istanbul. Unter einer Ladung von Einmachgläsern und Billigvasen fanden Spezialisten des Zolls nach vierstündiger Demontagearbeit 160 Kilogramm Heroin, eingenäht in die Schläuche von drei Ersatzreifen. Das Rauschgift, mit einem Wirkstoffanteil von achtzig Prozent, war in einem Labor im Südosten der Türkei veredelt worden – dort, wo auch die Heroinpfade aus dem Hindukusch enden. Bislang sitzt nur der 44jährige Fahrer im Gefängnis. Die Drahtzieher des Heroinschmuggels nach Westeuropa sind schwer zu fassen. Sie leben meist in Istanbul, wie man im Bundeskriminalamt (BKA) weiß.

Erst seit wenigen Monaten ist die bayerisch-tschechoslowakische Grenze zur Durchgangsstation riesiger Mengen harter Drogen geworden. Zwar wurde schon zuvor ein großer Teil des für Westeuropa bestimmten Heroins aus dem Hindukusch auf dem Landweg durch den Iran und die Türkei transportiert – ein kleiner Anteil erreicht sein Absatzgebiet auf dem Weg über Indien und Afrika oder durch die Sowjetrepubliken. Seit in Jugoslawien Bürgerkrieg herrscht, nehmen die Drogentrucks einen Weg, den Fahnder die "nördliche Balkanroute" nennen: Sie führt über Rumänien, Bulgarien, Ungarn und die ČSFR in die Bundesrepublik. Seit Juli wurden an der bayerischen Grenze zur ČSFR 456 Kilogramm Heroin sichergestellt.

Die Freude über solche Erfolge hält sich in Grenzen: Das sichergestellte Heroin ist ein Bruchteil jener Menge, die auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird. Selbst wenn einmal mehr als hundert Kilogramm beschlagnahmt werden, führt das heute zu keinerlei Versorgungsengpässen mehr, denn "in riesigen Depots wird das Zeug gebunkert, und die Zwischenhändler bedienen sich wie im Supermarkt", berichtet ein Nürnberger Zollfahnder.

Allein die elf bayerischen "Großsicherstellungen" (Polizeijargon) der vergangenen fünf Monate wiegen mehr als halb soviel wie jene Heroinmenge, die im vergangenen Jahr in der gesamten Bundesrepublik beschlagnahmt wurde. 847 Kilogramm wanderten 1990 in die Asservatenkammern. Wieviel Heroin Junkies sich in die Venen spritzen oder – mit Ammoniak versetzt – rauchen, kann niemand genau sagen. Fest steht nur: Es ist mehr als je zuvor.

So steigt die Zahl der Drogentoten dramatisch an. 1594 Rauschgiftopfer zählte die Polizei von Jahresbeginn bis Ende Oktober, rund 47 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Weitere 400 Abhängige, schätzt das BKA, werden sich bis zum Jahresende den "goldenen Schuß" gesetzt haben. Im Jahr 1990 starben "nur" 1491 Menschen an harten Drogen.

Für viele Fixer aber wird der "Hit" zur Überdosis, weil sie die Heroinkonzentration des Giftes unterschätzen. Es war in der Vergangenheit oft mit Milchpulver gestreckt worden. "Teuflisch gut und billig", sagt der Stuttgarter Fahnder Klaus Mellenthin, sei der Stoff momentan – für den LKA-Abteilungsleiter ein Indiz dafür, daß es auf dem Markt ein Überangebot gibt und der Konkurrenzdruck wächst. In Hamburg zahlen Süchtige für ein Gramm der "Todesdroge Nummer eins" (Mellenthin) gerade mal fünfzig Mark.

Die Verteilung organisieren meist ethnisch einheitliche Gruppierungen, vor allem Türken, Kurden, Perser und Jugoslawen. Das in Afrika zwischengelagerte Rauschgift wird meist von Schwarzafrikanern in kleineren Portionen geschmuggelt und "verdealt". Die Clans nutzen skrupellos Landsleute für ihre Geschäfte. Das Familienoberhaupt habe oft den "totalen Durchgriff" bis auf die unterste Ebene, berichtet Hagen Saberschinsky, Leiter der dreihundert Mann starken Abteilung Rauschgiftbekämpfung beim BKA.