An Herzversagen gestorben. Weshalb will die Diagnose so gar nicht zu Hans Lietzau passen? Der am 2. September 1913 in Berlin geborene Theatermensch war ein Mann der Pflicht. Heller Kopf – und norddeutscher Grübler. Bis zur Schroffheit spröd – doch von zartem, unwiderstehlichem Charme. Ein Einsamer, Einzelgänger auch, der Gefühl und Verletzlichkeit in den Jahren der Diktatur, des Krieges zu verbergen gelernt hatte. Da war nichts Fassade, nichts Haltung: ein durch Ironie gebrochenes Preußentum der stillen (Selbst-)Disziplin, der anmutigen Ritterlichkeit, der formstrengen Höflichkeit.

Der Schauspieler als Theaterdirektor, Molière, ist während einer Aufführung seines "Eingebildeten Kranken" auf der Bühne zusammengebrochen. Der Schauspieler Lietzau, der in München (1964 bis 1969), Hamburg (1969/70) und Berlin (1972 bis 1980) als Oberspielleiter oder Intendant große, schwierig zu verwaltende Theater geleitet hat, hätte seit dreizehn Jahren im Ruhestand leben können, er nun, 78 Jahre alt, während der Probenarbeit zu Thomas Bernhards politischstem Stück, "Vor dem Ruhestand", am 30. November gestorben ist.

Mit Hans Lietzau verliert das deutsche Theater einen der anregendsten Künstler, einen in seiner Neugier jung gebliebenen Regisseur und seinen letzten großen Herrn. Herr – das meint nicht Grandseigneur. Lietzau war auch darin ganz aufgeklärt preußischer Citoyen, daß ihm die Boheme-Versuchungen des Bühnenbetriebs nichts anhaben konnten. Haben wir ihn nach strapaziösen Proben-Stunden je anders erlebt als tadellos gekleidet, peinlichst rasiert? Ein schwarzer Rollkragen-Pullover: das Äußerste, was der Regisseur sich an Bequemlichkeit erlaubte. Und auf dem penibel aufgeräumten, weißen Schreibtisch im Intendanten-Büro des Berliner Schillertheaters: die eine, langstielige, rote Rose in schlanker Vase aus schwarzem Porzellan.

Ein Herr war Lietzau vor allem deshalb, weil er sich zum Diener machen konnte an jedem Werk, das er inszenierte. Er war ein phantasievoller, unersättlicher Leser – und deshalb auch, bei seiner Ausbildung als Schauspieler, Schausprecher, ein wunderbarer Vor-Leser. Wer Kleists Erzählungen, Kafkas Parabeln, Fontanes Romane von der faszinierend hellen Stimme Lietzaus vorgetragen hörte, verstand die Texte, die Autoren anders, neu – richtiger.

Der analytische Geist, der ihn befeuerte und zu einem anregenden Partner des Gesprächs machte, konnte sich bei Lesungen Lietzaus am lebendigsten aussprechen. Manche Inszenierungen gerieten in Gefahr gerade durch die Hellsicht, mit der Lietzau in einem Text verborgene Strukturen, Wechsel des Rhythmus, geheime Melodien erkannte, sie aber mit einer Handvoll Schauspieler nicht auch szenisch erfahrbar machen konnte. Deshalb wirkten manche Inszenierungen befremdend kühl, ja abweisend. Dabei war es doch gerade die nicht nur komödiantische, sondern spirituelle Leichtigkeit, die Lietzaus geglückten Arbeiten die unverwechselbare, hintersinnige Heiterkeit gab. Die erreichte der Norddeutsche sogar bei den als dumpf und erdschwer gemiedenen Dramen Hebbels oder Barlachs, zuletzt an den Münchner Kammerspielen mit dem "Blauen Boll".

So gern man ihn in München traf: Gehörte der Mann nicht doch nach Berlin? Dort hat er als Schauspiel-Eleve begonnen, bei Leopold Jessner, bei Gründgens, bei Kortner. Nach Jahren als freier Regisseur, als Theaterdirektor kehrte er in der Nachfolge von Boleslaw Barlog in die Heimatstadt zurück – und fand sich in einer tragischen Konstellation: Als er mit Kleists "Prinz von Homburg" seine Zeit als Regie-Intendant begann, war am Halleschen Ufer gerade Peter Stein mit seiner Truppe eingefallen – und hatte ebenfalls Kleists "Homburg" inszeniert. Bruno Ganz bei Stein: ein traumverlorener, ganz Kleistischer Militär; Helmut Griem bei Lietzau: ein "kritisch" gesehener, antipreußischer Zappelphilipp, vaterländische Bekenntnisse bellend.

Die Verwirrung war so total, daß sich Lietzau – als Intendant – von diesem Schlag nie wieder erholt hat – wohl als Regisseur, zuletzt wieder mit Kleist, dem "Zerbrochnen Krug", seiner Berliner Abschieds-Inszenierung. Hatte er sich nicht mit Dieter Hildebrandt und Ernst Wendt zwei kritische Köpfe als dramaturgische Anreger und Kontrolleure geholt, die eine "Berlinische Dramaturgie" in Lessings Nachfolge des wachen Geistes, der heiteren Vernunft, der geistvollen Unterhaltung versprachen? Und hatte der Menschensucher Lietzau, der ein Menschenfinder war, nicht junge Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner um sich versammelt, mit denen selbst der Schaubühne zu trotzen gewesen wäre: Gisela Stein, Helmut Griem, Dieter Dorn, Achim Freyer, Alfred Kirchner, Günter Krämer, Harald Clemen?