Joseph Beuys starb 1986. In diesem Jahr wäre er siebzig Jahre alt geworden. In Krefeld, seinem Geburtsort, und in Düsseldorf, wo er lebte und starb, wurden jetzt zwei große Ausstellungen eröffnet. Wie sieht Beuys aus im Jahr 5 nach Beuys? Diese Frage beantwortet jede Ausstellung auf eine andere Weise.

Von Petra Kipphoff

Eine schöne Fabel. Und deshalb erzählen, zitieren wir sie noch einmal. Sie stammt von John Cage, dem freundlichen Revolutionär, dem stillen Beweger der Gedanken, Klänge und Bilder. Und sie geht so: "Joseph Beuys, der zwei Fasane gefangen hat, einen aus Silber, einen aus Gold, erklärt beiden Joyces ‚Finnegans Wake‘, obwohl Joyce natürlich selber da ist und sie leben. Er fängt mit seinem Kiefer an, spricht aber nicht, sondern bewegt ihn nur seitwärts, die Vögel schauen aufmerksam zu, dann legt er einen kleinen irischen Volkstanz hin, die Fasane antworten mit einem so erratischen Quickstep, daß die Gäste ins Schweben geraten. Beuys zerreißt seine Weste in Fetzen, das macht die Fasane so glücklich, daß sie nicht mehr an sich halten können. Sie springen auf seine Schultern und fliegen dann in Richtung des Mondes, zwei Federn zurücklassend. Gerade bevor sie verschwinden, denkt Beuys ‚Dschungel‘, indem er seine Stirn mit den beiden Federn berührt. Das hat eine magische Wirkung. Die Fasane erscheinen wieder, so, als seien sie nie fortgeflogen. Im Tausch gegen die Federn gibt Beuys den Vögeln elektrische Nester aus Filz, die überall eingestöpselt werden können."

Die kleine Fabel erzählt uns, auf ihre Art, mehr über Joseph Beuys als die Katalogkilogramme, die jetzt wieder erschienen sind. Und wenn man sie zum zweiten Mal liest, werden auch die kleinen Haarrisse deutlich in dem Goldgrund. Als ob Beuys so simpel, so sakral, so jenseits von Gut und Gräßlich gewesen wäre. John Cage kann ihm da, von Künstler zu Künstler und in freundschaftlicher Ironie, eine größere, weil kritischere Gerechtigkeit widerfahren lassen als die Adoranten, die, wie Ulrich Greiner einmal schrieb, lange Zeit nur "das Weihrauchfaß schwenken" möchten. Die Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", das tat Beuys 1965 mit honigverklebtem Gesicht in der Galerie Schmela, wird bei Cage umbesetzt mit zwei lebenden Fasanen. Kein räudiges Fell, sondern goldene und silberne Federn. Auf einen irischen Volkstanz antworten die exotischen Vögel mit einem mondänen Quickstep. Der arme Lazarus zerreißt ekstatisch seine Weste, und am Ende tauscht man die Gaben aus, zwei Federn gegen zwei elektrische Nester aus Filz. Zur sofortigen Aufheizung.

Wir sind, Filz statt Federn, in Deutschland. Genauer gesagt, am Niederrhein. Und hier begann vor siebzig Jahren das, was Joseph Beuys in seiner Biographie "Lebenslauf/Werklauf" mit einer ersten Eintragung so beschreibt: "1921 Kleve Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogenen Wunde." Von Eva Beuys, der Ehefrau, die später die Fortführung der Biographie übernahm, stammt die letzte Eintragung: "Am Montag, dem 14. April 1986 wurde im Tagebuch des Deutschen Motorschiffes Sueno, Heimathafen Meldorf, von Kapitän Nagel folgende Eintragung gemacht: 12.05.1921 /23.01.1986 auf Position 54° 07,5’N 08° 22,0’E." Das Tagebuch eines Schiffes ist zwar, selbst wenn es um die Asche von Joseph Beuys geht, ein Logbuch, trotzdem war es irgendwo in der Deutschen Bucht zwischen Büsum und Helgoland.

Joseph Beuys wurde nicht in Kleve geboren, sondern in Krefeld. Aber er wuchs in Kleve auf, und für den Künstler, der sich und sein Werk über weite Strecken als Mysterienspiel inszenierte, ist der Ort des Schwanenritters Lohengrin verständlicherweise eine kleine biographische Korrektur wert. Kleve versorgte Beuys aber nicht nur mit dem Mythos, den er sichtbar machte. Sondern auch mit dem Sichtbaren, das er mythologisierte. "Die Technik der Zeit, in der ich groß wurde, war sehr interessant", erzählte er 1971 in einem Interview. "Weil alle technischen Dinge noch ihren physikalischen Grundcharakter hätten. Die Glühbirnen hatten noch einen Kohlefaden; unten an der Birne war so ein Glaszipfel. Phantastisch! Diese elektrischen Dinge, diese riesigen Widerstände. Neben unserem Haus lag eine Wäscherei, in der Dampfmaschinen mit riesigen Schwungrädern und Transmissionsriemen standen. Ich interessierte mich dafür, wenn sie beheizt wurden. Sicherheitsventile, Schornsteine ... Auf der anderen Seite lag eine chemische Fabrik. Das faszinierte mich alles. Natürlich lag das auch im Finsteren. Und das Finstere lag auch wieder in der Technik." Wer heute durch das Rhein-Ruhr-Gebiet fährt, sieht, in der Nachbarschaft von Bahnhöfen und alten Industrieanlagen, die von der Technologie überholten Kulissen und Arsenale des Finsteren. Bei Beuys sind sie für die Ewigkeit der Kunst aufbewahrt.

Das Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld hat eine beachtliche Beuys-Sammlung, die sich teils den intensiven persönlichen Kontakten mit dem Künstler, teils der Sammlertätigkeit des Ehepaars Lauffs verdankt. Beuys war, Kleve hin und Düsseldorf her, in Krefeld zu Hause. Das jedenfalls zeigt die Ausstellung, die Gerhard Storck unter dem Titel "Transit" arrangiert hat und die sich durch weite Teile des kleinen Museums hindurchzieht. Gut achtzig Zeichnungen sind zu sehen und knapp achtzig plastische Arbeiten, darunter der Draht-Eisenspind "PtCoFe" von 1948/72 und die neun raumversperrenden, zwischen Eisen- und Kupferplatten gepackten Filzstapel "Fond IV/4". Aber eigentlich geht es in Krefeld, wo die Gründerzeit-Räume ein fast privates Air haben und die Gelegenheit bieten zu einer Abfolge kleinerer oder größerer Inszenierungen, gar nicht so sehr um Beuys, den Produzenten teurer Kunst-Ikonen. Der "Transit"-Charakter der Zeichnungen, die Gerhard Storck zu Recht auch "fliegende Blätter" nennt, prägt auch die ganze Ausstellung. Und man könnte sich fast vorstellen, daß Joseph Beuys plötzlich auftaucht und vielleicht in dem Raum mit dem Doppelspaten, dem Fernseher, den zwei Besen und der "Mensch"-Tafel das am Boden stehende Telephon etwas weiter nach rechts rückt. Ja, und dann würde er sich natürlich in das große Environment "BARRAQUE D’DULL ODDE" hineinbegeben und auf der Doppelregalwand herumräumen und -rücken, auf der vom roten Gummiband über das Röhrchen Thomapyrin bis hin zum Schraubenzieher und zur Butterdose alles versammelt ist, was der Künstler so braucht. Oder liegt es nur an der so intensiv leuchtenden roten Glühbirne, die am Pult neben dem Regal befestigt ist, daß dieses Ambiente so frisch verlassen scheint?