Der Bürgerrechtler Werner Schulz – ein Andersdenkender im gesamtdeutschen Parlament

Von Christian Wernicke

Bonn, im November

Das klang fast wie in den guten, alten Zeiten, als man noch unbotmäßige Kritik an der Bonner Republik mit einem herzlichen "Dann geh’ doch nach drüben!" abfertigen konnte. Doch "drüben" ist untergegangen, und so ließ sich der CDU-Abgeordnete, der da am Freitag vergangener Woche unbedingt den frechen Redefluß im linksrheinischen Wasserwerk unterbrechen wollte, etwas weniger Originelles einfallen: "Dann geh’ doch nach Hause!" beschied der Zwischenrufer ausgerechnet Werner Schulz, den Parlamentarischen Geschäftsführer der Bundestags-Gruppe von Bündnis 90/Grüne.

Der ostdeutsche Bürgerrechtler hatte es gewagt, nach einem Jahr als Abgeordneter ein kleines, bissiges Resümee zu ziehen. "Enttäuscht" hatten ihn seine Kollegen, die so gern vom Uberwinden der Teilung durch Teilen redeten, sich in Zeiten sozialer Not aber hemmungslos die Diäten erhöhten: Deshalb seien etliche Beiträge in der Haushaltsdebatte eben schlicht "Wasserpredigten bundesdeutscher Weintrinker" gewesen.

Rhetorische Tricks

Eine Viertelstunde lang stichelte Schulz über den Bonner Alltagsbetrieb, über rigide Fraktionszwänge und "die Taschenspielertricks" politischer Rhetorik. Indem er das parlamentarische Establishment wachrüttelte, befreite sich der Neuling aus dem Osten von den Frustrationen vergangener Monate – wenigstens für ein paar Minuten. "Heute habe ich sie gekriegt, heute haben sie alle zugehört", lachte er anschließend hinter seinem graumelierten Vollbart, der das sonst so ernste Gesicht bis unter die Augenringe einpanzert. Soviel wie an diesem Freitag hat er sich in Bonn selten gegönnt: sechs Stunden Schlaf, ein Frühstück sogar. Dann legte er die drei Blatt voller Stichworte zur Seite. Während seiner freien Rede entdeckte Schulz eine politische Leidenschaft wieder, mit der er schon im vergangenen Jahr die DDR-Volkskammer beeindruckt hatte. Seltene Momente des Glücks in einer fremden Welt: "Aber vielleicht war das ja heute der Durchbruch."