Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Ich lese und höre von Ihnen immer mal wieder, es sei zwar das, was in der DDR passiert ist, verrottet gewesen; die Regierung mindestens, die Partei gewiß, die Staatssicherheit ohnehin. Aber das sei eben nicht Sozialismus gewesen. Es scheint, daß Sie nach wie vor die Idee, wenn nicht gar ein Konzept haben von einem, ja wie nun benannten: "humanen" oder "freien" oder "menschlichen" oder "eigentlichen" Sozialismus. Gestatten Sie mir, einen der renommiertesten französischen Historiker, Le Roy Ladurie, zu zitieren. Er antwortete auf die Frage, was vom Kommunismus bleibe: "Insgesamt gesehen, glaube ich, ist die Bilanz gleich null, sogar negativ."

Stefan Heym: Sie haben das Wort Idee benutzt, ich möchte das Wort Traum benutzen. Das ist ein ganz großer Traum der Menschheit gewesen, und ich glaube, daß man ihn doch nicht so ohne weiteres aufgeben soll, nur weil diese erste Realisierung, die versucht worden ist, nach immerhin – wie lange ist es her? Siebzig Jahre?

FJR: Datieren wir ruhig bis Marx zurück, dann ist es sogar länger her.

Heym: Bloß, die haben es ja noch nicht praktisch probiert, außer die paar Wochen in Paris. Also, das praktische Experiment begann mit Lenin und ist schiefgelaufen. Man muß sich fragen, ob das schon an Lenin gelegen hat oder ob es an Marx gelegen hat oder ob es an der Menschheit gelegen hat: daß der Mensch also dafür nicht geeignet war. Ich glaube, daß ein Sozialismus möglich ist, ein demokratischer oder, wie Dubček das genannt hat, ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Sie werden mich nicht dazu kriegen, daß ich hier sage: Ach, der Kapitalismus ist so schön, und also mit fliegenden Fahnen dorthin.

FJR: Ich will den Kapitalismus nicht als das einzig heilsbringende Gegenmodell ausrufen. Ich will über das Hauptprinzip nachdenken: Ist es richtig – oder nicht doch sehr inkonsequent –, weiter diesem, Sie sagen: Traum nachzuhängen? Muß man nicht eher umgekehrt Schopenhauer statt Dubček folgen: Der Mensch ist nicht paradiesfähig, man kann ihn auch nicht in ein Paradies hineinzwingen.

Heym: Das sind zwei verschiedene Dinge. Einmal 1968: Man kann die Frage stellen: Was wäre geschehen, wenn die Kerle nicht einmarschiert wären in der Tschechoslowakei? Dann hätten wir wenigstens den Versuch machen können, diesen Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz mal sich entwickeln zu lassen. Es gibt keinen Beweis dafür, daß es nichts geworden wäre. Die Tschechoslowakei war ein industrialisiertes Land, und zweifellos wäre hier die DDR, wenn Ulbricht das nicht gestoppt hätte, mitgegangen. Dann hätte man gesehen, was sich ergibt.