Was bedeutet das inflationäre Gerede von der Postmoderne? Soweit zu sehen ist, hat es bislang noch niemand vermocht, jenes Gerede aus berufenem und unberufenem Munde, das die Feuilletons und die schicken Magazine der sogenannten Kulturgesellschaft überflutet, auch nur annähernd so überzeugend zu erklären wie Panajotis Kondylis — ein Autor, der wie einst Günter Netzer "aus der Tiefe des Raumes" kommt.

Nicht nur das, was man Postmoderne zu nennen sich angewöhnt hat, ist ein erklärungsbedürftiges Phänomen, sondern eben auch das pausenlose Gerede darüber. Eine Gesellschaft, die sich im Status der Postmodernität wähnt, reflektiert diesen Status in einem polyphonen, dissonanten Stimmenkonzert, indem sie ihren materiellen und geistigen Hervorbringungen unentwegt attestiert, sie seien postmodern. Dieser tautologischen Praxis, die sich immerfort selber versichern muß, was sie angeblich oder tatsächlich ohnehin ist, geht Kondylis in seinem neuen Buch auf den Grund. Es ist das Fundierteste und Gescheiteste, was man seit langem gelesen hat.

Der "Sinn" des Geredes besteht Kondylis zufolge darin, daß es jeden Sinn zersetzt und dergestalt die Funktionsimperative einer Gesellschaft, deren Identität in der massenhaften Ex und hoppMentalität des schnellen Konsumierens liegt, strikt erfüllt. Die modernen westlichen Gesellschaften, so die Diagnose des Autors, steuern ihre Selbsterhaltung und Selbstexpansion dadurch, daß sie keinen Sinn mehr gelten lassen, außer dem, daß es keinen gibt. Die sich selbst dementierende Attitüde etwa postmoderner Theoretiker, es existiere kein Autor Ich mehr, welches die Einheit des Textes und einen bestimmten Wirklichkeitsbezug verbürge, beide müßten vielmehr vom jeweiligen Leser individuell "erfunden" werden, korrespondiert für Kondylis mit der Tatsache, daß der massenhafte Individualismus auf immer neue Attribute aus ist, die beliebig austauschbar sind. Als postmodern, mit einem Wort, darf sich eine Gesellschaft bezeichnen, in der Güterknappheit, von der alle Gesellschaften vor oder neben dem Kapitalismus geschlagen sind, überwunden ist und die sich deshalb den Luxus leisten kann, auf einen verbindlichen Wertekanon zu verzichten. Alles ist käuflich, alles folglich erlaubt.

Nun geht es Kondylis nicht um eine Denunziation der Postmoderne beziehungsweise des avanciertesten Kapitalismus, obwohl manche seiner Ausführungen verdächtig danach klingen, sondern um die theoretische Bestimmung des gegenwärtigen Zeitalters. Zu diesem Zweck operiert er mit einem begrifflichen Instrument, das es ihm erlaubt, die "massendemokratische" Postmoderne von der bürgerlich liberalen Moderne säuberlich zu scheiden.

Kondylis statuiert nicht zuerst inhaltliche Kriterien, die eine solche Abgrenzung ermöglichen, sondern formale. Der "Denkstil" oder die "Denkfigur" der liberalen Moderne sei von synthetischharmonisierendem Charakter, während die prägende Figur der Postmoderne als analytisch kombinatorisch zu bezeichnen sei "Diese beiden grundlegenden Denkfiguren", heißt es im Einleitungskapitel des Buches, "sind die verdichtete ideelle Gestalt bzw. Seite von bestimmten konstitutiven Merkmalen, deren materielles Korrelat in der Beschaffenheit und Funktionsweise der entsprechenden sozialen Gebilde zu finden ist " Das Hingt zunächst einmal außerordentlich abstrakt. Freilich bemüht Kondylis im folgenden eine Reihe überzeugender historischer Argumente und Beispiele, die dem Duktus seiner Gedanken ein ziemlich solides Fundament verschaffen. Inwiefern läßt sich die bestimmende "Denkfigur" der liberalen Epoche, deren Höhepunkt Kondylis, darin dem mainstream der historischen Forschung von Craig bis Hobsbawm folgend, im 19. Jahrhundert sieht, als "synthetisch harmonisierend" charakterisieren? Kondylis erkennt die große Leistung der bürgerlichen Moderne darin, daß sie als Antwort auf und in Opposition zur theologisch dualistischen Weltdeutung der Prämoderne Widersprüche wahrnimmt und zugleich ausbalanciert: etwa den Widerspruch zwischen Geist und Natur, Norm und Trieb, Gemeinwohl und Privatinteresse. Die Spannung zwischen handfest diesseitiger Vorteilsnahme und moralischen Geboten wird dergestalt gelöst, daß die Existenz Gottes zwar nicht grundsätzlich bestritten, aber doch so weit relativiert wird, daß Gott sich nicht mehr unberechenbar in das Weltgeschehen einzumischen vermag. Die auseinanderstrebenden Teile des bürgerlichen Kosmos finden sich — ganz wie in dem berühmten Bild Adam Smith von der "unsichtbaren Hand" — immer wieder zu einem natürlichen Ganzen zusammen, welches fragloser Akzeptanz seitens der Gesellschaftsmitglieder sicher sein darf. "Bürgerliches Denken übt sich an der Arbeit der Synthese und der Harmonisierung", resümiert Kondylis.

Solcher Wille zur Synthese treibt Philosophien, Literaturen, Künste und Wissenschaften hervor, in denen das "natürliche Ganze" seinen selbstverständlichen Vorrang gegenüber den zentrifugalen Kräften des Subjektiven, Formauflösenden und Sinnzerstörenden behält. Die "Denkfigur" der liberalen Ära ist insofern objektiv, als sie die gegenstrebige Figur des Subjektivismus und der Indifferenz — die freilich im Schöße der bürgerlichen Gesellschaft schlummert — erfolgreich in Schach zu halten vermag.

Im umfangreichsten Kapitel seines Buches schildert Kondylis sodann die Ablösung dieses "Denkstils" durch den analytisch kombinatorischen. Protagonisten dieser Ablösung sind Literaten, Künstler, Bohemiens, die, wie Kondylis mit sarkastischen Formulierungen beschreibt, unter dem Banner von "Selbstverwirklichung" und "Authentizität" das Geschäft einer schrankenlosen Subjektivierung der Welt betreiben.