RTLplus, mittwochs: stern TV

Das Tollste an Stern TV ist der Vorspann. Er suggeriert große Welt und hohe Politik, dieweil es hinterher eher intern zugeht. Oder wie weltweit sind Johnny Klein (Schleifenträger), Dunja Rajter (Kroatin), Hermann Luger (Lindenstraße) und Günther Jauch (Moderator)? Der letzte, als Darling unter den männlichen Nachwuchskräften des deutschen Fernsehens hoch gehandelt und vor Jahr und Tag unter gespannter Aufmerksamkeit der Medien zu "den Privaten" abgewandert, hält, was er verspricht, vor allem deshalb, weil er der Typ ist, der immer hält, was er verspricht, auch wenn er gar nichts versprochen hat. Diese intransigente Zuverlässigkeit, gepaart mit Amt-und-Würden-resistenter Jugend, macht Jauch so sympathisch und sichert ihm über die Einschaltbereitschaft seiner Generation hinaus die der Alten, denen unsre Zeit und ihre Fernsehstars viel zu bunt und wankelmütig sind.

Jedoch kann der junge Mann mit seinem Jauchtum eine wöchentliche Magazinsendung allein nicht füllen. Wir sind im Fernsehen und in der Weltpolitik – also bitte, da muß mehr passieren. Man nimmt, was kommt. In Liverpool wird Drogensucht durch kontrollierte Freigabe des Stoffs bekämpft, in den neuen Ländern die Schule umgekrempelt und auf dem Ozean kriminelle Hochseetreibnetzfischerei betrieben. Kurzreportagen zu solchen Themen bestreiten das Halbstundenmagazin bestenfalls zu einem Drittel. Der große Rest bleibt an Jauch und seinem Sympathie-Bonus hängen.

Um den gut auszuleuchten, gibt man dem Moderator pro Sendung einen prominenten Gast zur Seite, den er interviewen, nach seiner Meinung zu Drogen, Schulreform und Hochseenetzfischerei befragen und in ein Schlagfertigkeitsspiel verwickeln soll. So kommen Johnny Klein, Dunja Rajter und Hermann Luger ins stern-Studio. Günther Jauch geleitet seine Gäste garantiert mätzchenfrei durch die Sendung, er spricht deutlich und kuckt kiebig und rettet seinen Bonus zu hundert Prozent über die Strecke. Aber zum Kuckuck, das ist seine Privatsache und kein Grund, den Fernseher einzuschalten.

Im Infotainment à la Stern TV lassen sich Info und Entertainment gegeneinander verrechnen und so auf Null bringen. Die unterhaltenden Partien müssen sich dem informationellen Rahmen fügen und bleiben deshalb blaß, die News sollen in das softe Konzept passen und dürfen deshalb nicht überhandnehmen. So drückt das eine Element das andre tot. Übrig bleiben Günther Jauch, der beim Lächeln kindlich ein Stück seiner Unterlippe in den Mund hineinzieht, und sein Bonus. Das ist nicht genug.

Auch der Wurf mit der Wurst nach der Speckseite geht in stern TV daneben. Eine Reportage über Berlins Dirnenkunden, leichtsinnige Gummimuffel trotz steigender Aids-Gefahr, trödelt ebenso einschläfernd über den Schirm wie die groß angekündigte Story über ein Mordkomplott gegen den Berliner Baulöwen Groenke. Hach, da hat man geglaubt, man steckt im Auge von Sünde und Crime, und dann war’s nur der Arsch der Kolportage.

Eine bildhübsche Anekdote allerdings verdanke ich stern TV, und sie sei hier rasch angehängt. Stellen Sie sich vor: Für jene Spezialisten unter den Polizeihunden, die auf das Erschnüffeln von Drogen abgerichtet sind, verstecken die menschlichen Kollegen nach mehreren ergebnislosen Einsätzen ein Stück Hasch im Autoboden. Damit das Tier nicht vor Frust verzweifelt. Barbara Sichtermann