Von Sabine Etzold

Met der Schole est es wie met einer Medizin – sä moß bitter schmecken, sonst nötzt sä nechts." Dieses pädagogische Credo des "Schnauz" alias Professor Crey aus der "Feuerzangenbowle" hat alle reformpädagogischen Unterwanderungsversuche der letzten Jahrzehnte weitgehend unbeschadet überstanden. Und zur schulmedizinischen Bitternis gehören nun mal die Zensuren, auf daß man die guten, klugen und fleißigen Schüler von den schlechten, faulen und dummen unterscheiden könne. Wer an dieser menschlichen Grundüberzeugung rührt, weckt unweigerlich Urinstinkte.

Zu beobachten war dieses Phänomen wieder einmal an den Reaktionen auf die jüngsten Reformbemühungen zweier Politikerinnen im Norden. Schleswig-Holsteins Schulministerin Marianne Tidick hatte im Sommer versucht, die Ziffernbenotung nicht nur wie bislang in der ersten und zweiten, sondern auch in der dritten und vierten Grundschulklasse durch eine persönliche Beurteilung, ein sogenanntes Berichtszeugnis, zu ersetzen. Und Hamburgs Schulsenatorin Rosemarie Raab kündigte vor einigen Wochen an, diese Praxis bis hinein in die achte Klasse ausdehnen zu wollen.

Beide Reformvorstöße sind keineswegs so ungeheuerlich, wie es die öffentliche Empörung vermuten ließ. Vielmehr empfahl die Kultusministerkonferenz bereits 1970, die traditionelle Zensurengebung in den ersten beiden Grundschulklassen aufzugeben zugunsten einer "allgemeinen Beurteilung des Kindes in freier Form". Alle Bundesländer sind der Empfehlung inzwischen gefolgt. In Hamburg wurde die Regelung sogar dahin erweitert, daß die Eltern bis zum Ende der Grundschule über Zensuren- oder Berichtszeugnisse entscheiden. Ob die Senatorin allerdings die Ausdehnung auf Klasse acht politisch durchsetzen kann, ist angesichts der allgemeinen Proteste zweifelhaft. Ihre Kollegin Tidick, der von dem Elternvertreter Walter Segatz (CDU) vorgeworfen worden war, ihre Pläne seien Ausfluß "eines sozialistischen Menschenbildes", mußte schon einen Rückzieher machen: In Grundschulklasse vier wird auch künftig "ordentlich" zensiert.

So prallen sie wieder mal hart aufeinander, die feindlichen Parteien im bildungspolitischen Grabenkrieg mit dem sattsam bekannten Frontenverlauf: Hier die Reformer, die befürchten, Zensuren könnten in der kindlichen Seele irreparable Schäden anrichten, und dort die Traditionalisten, die in der Abschaffung der Zensuren eben "den Ausfluß eines sozialistischen Menschenbildes" erblicken.

Und die Traditionalisten liegen im Augenblick vorn. Denn die meisten Schüler und vor allem die meisten Eltern wollen Zensuren. Sie wollen – so Wolfgang Kraft aus dem Stuttgarter Kultusministerium – "eine klare und eindeutige Beurteilung ihrer Kinder. Ohne Noten geht es nicht." Noten gelten nun mal als die sichtbaren Indikatoren für den Standort der Kinder in der Leistungsgesellschaft. Der Soziologe Hellmut Becker faßt zusammen: "Eine Welt ohne Leistungsbestätigung und Zensuren wird es nicht geben, weil das gegenwärtige menschliche Bewußtsein diese Kontrolle offensichtlich verlangt. Von der Grundschule an ist die in Zahlen zu messende und mit anderen konkurrierende Leistung dem einzelnen so eingepaukt, er ist auf Zensuren hin dermaßen sozialisiert, daß er schließlich im Alter glaubt, ohne Zensuren nicht mehr arbeiten zu können."

Doch so verständlich dieser Wunsch auf gesicherte und klare Auskünfte über die Leistung der Kinder in dieser immer chaotischer und unübersichtlicher werdenden Schullandschaft auch ist – er beruht auf einer gigantischen Illusion. Selten waren sich Wissenschaftler so einig: Zensuren sind in keiner Weise imstande, über die Leistung eines Schülers objektiv Auskunft zu geben. "In der Erziehungswissenschaft gehört die Subjektivität der Leistungsbewertung zu den am besten belegten Tatsachen", stellt der Hamburger Jurist Ingo Richter fest und belegt dies mit einem in der Wissenschaft bereits "klassisch" gewordenen Beispiel, einer Untersuchung aus dem Jahr 1913: Die Lösung einer Geometrieaufgabe wurde von 128 Mathematiklehrern an 128 höheren Schulen bewertet. 70 bis 80 Punkte waren für die richtige Lösung der Aufgabe nötig. Die Bewertung der Lehrer aber schwankte zwischen 30 und 90 Punkten. Womit schon damals gezeigt wurde, daß Subjektivität die Ergebnisse verfälscht, und zwar keineswegs nur in den sogenannten Meinungsfächern.