Von Lothar Baier

Wohin reisen Sie? Sagen Sie das noch einmal: Sow-jet-union. Sagen Sie doch besser gleich, Sie fahren nirgendwohin. Denn damit ist es aus und vorbei, mit Ihrer Sowjetunion. Was soll ich statt dessen sagen? Ich nenne die Republiken und die Städte, die auf dem Programm stehen: Rußland, Armenien, Georgien, Ukraine; Moskau, Eriwan, Tiflis, Jalta, Kiew. Da wird selbst der Gesprächspartner am Telephon ungeduldig, die sprachliche Wiedergabe der neuentstandenen politischen Realität kostet einfach zuviel Zeit. So wird die Sowjetunion zumindest aus sprachökonomischen Gründen vorläufig weiterexistieren.

An Moskau, der Zentrale, führt immer noch kein Weg vorbei, wenn man sich in den sowjetischen Orient begeben will. Rings um das Parlamentsgebäude hat man Barrikadenreste stehenlassen, als Erinnerung an die couragierten Moskowiter, die im August das „Weiße Haus“ mit ihren Körpern vor befürchteten Angriffen der Putschisten zu schützen bereit waren. Eine Gruppe junger Leute hält immer noch ein kleines Terrain besetzt, hat ein „A“ auf sein Zelt gemalt, das internationale Erkennungszeichen aller freundlichen Feinde der Autoritäten, kann sich offenbar immer noch nicht von dem Ort trennen, der die Erinnerung an den rauschhaften Augenblick der Freiheit festhält. Wie bei uns im Hüttendorf an der Frankfurter Startbahn West, wie in der seligen Republik Freies Wendland. Der Putsch ist nur ein paar hundert Meter von unserem Hotel im Südwesten Moskaus ausgeheckt worden, in einem brandneuen Gebäude des Verteidigungsministeriums, das aus der Ferne wie eine kalifornische Halbleiterfabrik aussieht.

Daß die Maschine nach Eriwan nicht am frühen Nachmittag startet, sondern erst lange nach Mitternacht, ist ein Vorzeichen, das wir noch nicht richtig zu deuten verstehen. Wir freuen uns eher darüber, daß wir noch einen Abend in Moskau verbringen können. Inmitten dunkelhaariger und glutäugiger Armenier sitzen wir dann bleichgesichtig in der geräumigen Iljuschin und sehen zu, wie sich der Bauch der Maschine mit immer neuen Ladungen Gepäck und die Kabine mit neuen Passagieren füllt, nicht nur bis zum letzten Platz, sondern darüber hinaus.

Nach endlosem Warten rollt das vollgepackte Flugzeug an den Start, rollt mit aufheulenden Triebwerken in den nächtlichen Nebel hinein, rollt und rollt, so daß mir etwas unheimlich wird, erhebt sich schließlich in die Luft. Die Gänge sind mit Taschen und Paketen vollgestellt, manche Passagiere sitzen auf Koffern, einzelne stehen, der Gestank von Erbrochenem zieht durch die Kabine. Die Tür zum Frachtraum steht offen und gibt den Blick auf Berge von Paketen frei. Auf der Treppe haben es sich Männer in den Uniformen von Aeroflot zum Schlafen bequem gemacht, so daß es aussieht, als hätte die Besatzung nach Einschalten des Autopiloten das Cockpit verlassen und sich dem allgemeinen Dösen angeschlossen.

Doch dann sind Verspätung, Müdigkeit und Gestank auf einmal vergessen: Im Licht der Morgensonne leuchtet der Schnee auf den Gipfeln des Kaukasus, dessen Kamm wir überfliegen. Sanft geht die Maschine in den Sinkflug über, die Berge bleiben zurück, die armenische Ararat-Ebene breitet sich aus, von Dunst überzogen.

Es liegt vielleicht an meiner allzu heftigen literarischen Armenophilie, daß mir die Stadt Eriwan mit ihrer Umgebung auf den ersten Blick enttäuschend häßlich, schmutzig, grau und lieblos verlottert vorkommt. Statt eines orientalisch aufgelockerten Sowjetismus begegnet mir ein sowjetisch festgefrorener Schrumpforient. Monumentale öffentliche Bauwerke, wie an dem in „Platz der Republik“ umgetauften ehemaligen Leninplatz, und über die Hügel verstreute Siedlungen aus Einfamilienhäusern, bei deren Bau man sich nicht die geringste Mühe gegeben hat, obwohl die schönen ortsüblichen Tuffsteinquader zur Sorgfalt geradezu herausfordern. Bei der Stadtführung müssen wir an jedem abstoßenden Denkmal haltmachen und uns mit nationaler Inbrunst vorgetragene Erläuterungen anhören.