ARD und ZDF, Sonntag, 15. Dezember, 21.00: „Mörderische Entscheidung“

Ich bin gespannt, ob ich auch an diesem Abend „ausbrechen“ werde: Die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten strahlen auf ihren Kanälen denselben Film in zwei Versionen aus – „Umschalten erwünscht“, heißt es in der Ankündigung dieser Fernsehpremiere. Es handelt sich um einen Krimi in hochkarätiger Besetzung, um Grusel, Sex und Action. Man mußte wohl, was die Einschaltquoten betrifft, auf Nummer Sicher gehen, als man solch ein aufwendiges Experiment wagte. Dem Zuschauer wird zugetraut, mit der Fernbedienung seinen eigenen Cocktail zu mischen: aus einer Männerversion der Story hie und der Frauenversion da. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel hat beides deutlich unterschieden – dasselbe Geschehen aus ihrer und aus seiner Sicht: ein anderer Rhythmus, eine andere Farbgebung, eine andere Musik (wobei dieselben Melodien verschieden arrangiert werden – hie das Klavier, da die gestopfte Trompete). „Der Betrachter hat also nicht nur die Wahl zwischen zwei Geschichten, er kann sich auch aussuchen, ob er lieber Suspense oder mehr Erotik möchte, er kann sich für ihren milderen Rhythmus entscheiden oder mit ihm actionreich durch dunkle Hinterhöfe ziehen. Der Zuschauer kann seine Entscheidung immer wieder revidieren, mit der Fernbedienung aus den angebotenen Bildern seinen eigenen Film zusammenstellen – Fernsehen aktiv.“ Soweit die vollmundige Ankündigung.

Gespannt bin ich, ob sie mich mit dem Zweikanalfilm davon abhalten werden, auch die anderen Kanäle abzusuchen. Vielleicht hat man ja erkannt, daß die Umschalterei den Sog des Fernsehens allmählich auflöst, daß die Vielfalt an Beliebigem eine Art Endphase darstellt. Daß sich das Verhältnis von Fernsehopfern und -tätern längst umgekehrt hat: Mit dem Handmixer bewaffnet, kippt man jede Sendung. Der Mixer und natürlich auch das, was da zu mixen ist, haben uns schon fast vom Diktat der Glotze erlöst. Mit dem Mixer hat man ein Gerät in Händen, das all die wichtigen, schönen, klugen Sendungen aufmischen und entlarven kann: Alles bloß Fernsehen. Der Mixer gibt uns Distanz, er erlöst uns aus der Ergebenheit vorm Programmablauf, er zieht die Summe und läßt nur noch übrig, was das Fernsehen wirklich ist: ein blaues Flackern in der Stubenecke.

Dieses Programm zum Selbermixen könnte als ein letzter Versuch gedeutet werden, den flüchtigen Zuschauer noch einmal einzufangen und an den Sessel zu fesseln. Aber ach, ich fürchte, die Fernsehmacher greifen zu kurz mit ihrer Ankündigung, nun auch drei- und vierversionierte Programme auszustrahlen: Es bedürfte einer konzertierten Aktion aller Sender, um die beinahe erwachsenen Schüler wieder in die Bank zu zwingen.

Nein, pardon, ich bin wirklich neugierig: auf einen vielversprechenden Regisseur und auf die „spanische Fliege“ Mapi Galan, die die weibliche Hauptrolle spielt. Und natürlich auf die Lösung des Rätsels, was der Mann auf seinem Kanal macht, wenn sie ihm auf ihrem Kanal die Tür vor der Nase zuschlägt. Hier wie an anderen Stellen wird der Knopfdruck diskret nahegelegt. Und gerade hier werde ich nicht drücken. Weil mich – verdammt noch mal – nur noch das interessiert, was auf dem anderen Kanal läuft. Ich werde mir ein zweites Gerät anschaffen müssen. Eines? Wie viele Kabelprogramme gibt es inzwischen? Fernsehen satt, Kanal voll.

Martin Ahrends