Von Helmut Schödel

Graz bot lange Zeit Stoff genug für ein eigenes Genre: das Graz-Feuilleton. Es handelte von den letzten Dingen, dem Schweigen der Eichhörnchen, dem Fallen der Kastanien, den Selbstgesprächen der Alten im Stadtpark. Graz-Feuilletons waren aber auch Augenzeugenberichte über eine höchst spezielle, steiermärkische Variante der Boheme: betrunkene Genies, die bei festlichen Anlässen in ihren dunkelblauen Anzügen wie Kleinstadthonoratioren aussahen – wildes Dichten. Wolfgang Bauer, der auf dem Flügel im Theatercafe in Exzesse hineintanzte. Graz, das war ein Wahn, der hieß: Der Tag wird kommen. Aber er kam natürlich nicht.

Die Graz-Feuilletons waren glückliche Traumwandlereien, im schönsten Fall ein souveräner Anachronismus. Denn sie erzählten davon, daß die Schriftstellerei noch eine Hauptsache sein könnte, und Graz ein Club der lebendigen Dichter.

Jetzt aber hört man das Flügelrauschen eines Adlers über der Stadt: Machtvogel, Staatsvogel, Wappentier. Die alte Ordnung hat gesiegt, und man wird daran erinnert, daß der Adler, in einem frühen Bildnis der Zirrhose, Prometheus die Leber zerschnetzelt hat. Prometheus hatte sich gegen die Macht erhoben, gegen Zeus, wie andere gegen Graz. Jetzt treffen sie sich alle beim Internisten.

Für die Uraufführung von Wolfgang Bauers vorletztem Stück "Ach, armer Orpheus" im Wiener Schauspielhaus wurde auf großen Plakatwänden geworben. Darauf stand: "Erst die Leber, dann das Herz." Werner Schwab, auch ein Grazer (und die größte Hoffnung der jungen österreichischen Dramatik), schreibt in seinem neuen Stück "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos": "Man strapaziert seine Leber um eine Erträglichkeit. Man trinkt sich hinein in ein Verständnis." Aber dann kommt er drauf: Es gibt nichts zu verstehen, und es ist nicht zu ertragen. Zeus ist Zeus, und Graz ist Graz geblieben, eine spießige Provinzstadt. Schwab: "Meine Leber war umsonst. Meine Leber ist sinnlos."

Mit Schwab geht unsere Grazromanze zu Ende. Sich auf ihn einzulassen bedeutet, den Illusionen ade zu sagen. In seiner "Volksvernichtung" heißt es: "Es ist alles ziemlich glücklich in einem Eimer." Und: "Visionen, Utopien ... alles Vorform von Alkoholismus." Wo Schwab hindeutet und sich in groben Zügen ein Bild macht, ist die Welt kaputt. So lächerlich kaputt wie in seinen "Radikalkomödien" Menschen, Geschichten und Sprache.

Man hat Schwab vorschnell einzuordnen versucht, um ihn zu bannen, und hielt ihn für einen jungen Kroetz, für einen Epigonen Bernhards, für einen kleinen Horváth. Aber für Kroetz ist er zu punkig, für Bernhard zu realistisch, für Horváth zu anarchisch. Alles, was man bisher mit Sicherheit sagen kann, ist: Wir haben ihn verdient.