Von Johannes Schweikle

Dem Meerrettich hat sie noch standgehalten, doch vor der Zwiebel kapituliert die Wimperntusche. In schwarzen Bächlein rinnt sie über das sorgfältige Make-up. Und wie das so ist, wenn Menschen guten Willens beieinander sind, machen gleich hilfreiche Hausfrauentips die Runde: die Zwiebel mit einem heiß abgespülten Messer schneiden oder bei offenem Fenster, am besten aber mit Schwimmbrille.

So weit, so Kochkurs. Als aber die Gewürze verarbeitet sind und die gefillten Fisch im Sud vor sich hin blubbern, zitiert Kursleiterin Petra Kaffeesieder 2. Mose 23, Vers 19: "Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch." Aus diesem Verbot, erklärt die Köchin, folgt die strikte Trennung von fleischigen und milchigen Speisen. Wer Fleisch gegessen hat, darf sechs Stunden keine Milchprodukte zu sich nehmen. Und für diese braucht er eigenes Geschirr. Der Kuchen mit Schlagsahne darf nicht auf dem Teller serviert werden, auf dem vor dem Spülen vielleicht ein Wurstbrot lag.

Die drei Männer im Kochkurs tragen Kippa, das schwarze Käppchen. Der Dampf aus dem Topf mit den Karpfenschnitten steigt zur senfgelben Decke der Synagoge im Frankfurter Westend und nebelt die kornblauen Ornamente ein. "Die zweite Regel", erklärt Petra Kaffeesieder: "Man darf kein Blut essen." Alles Fleisch muß geschachtet, alle Tiere müssen so geschlachtet werden, daß sie vollständig ausbluten. Aber drittens darf nur verzehrt werden – auch diese Regel steht bei Mose –, "was gespaltene Klauen hat und wiederkäut unter den Tieren" – das Schwein erfüllt diese Bedingungen nicht. "Aus diesen drei Regeln leitet sich die ganze koschere Küche ab", sagt Petra Kaffeesieder.

Religionsgeschichte und Cholesterinbewußtsein liegen an diesem Abend eng beieinander. Die Jüdische Volkshochschule Frankfurt bietet den Kurs "Koschere Küche" an. An sechs Abenden zeigt Petra Kaffeesieder, wie man ein typisches Sabbatessen kocht: Challa, den Hefezopf, der an die Schaubrote im Tempel erinnern soll; als Vorspeisen gibt es gehackte Leber und gefillte Fisch; die Hühnersuppe mit Mazzeknödeln heißt "goldene Joch", und als Hauptgericht werden die elf Kursteilnehmer ein gefülltes Huhn zubereiten.

Und Kischke stehen auf dem Programm. Unbedingt. Frau Krempa kommt nur wegen dieser mit Maismehl, gehackten Zwiebeln und Küchenresten gefüllten Rinderdärme in den Kochkurs. Alles andere kennt sie, die gestandene jüdische Hausfrau, aus dem Effeff. Gefillte Fisch sowieso ("Frau Kaffeesieder, nehme Sie keine hartgekochten Eier? Ich mahl’ alles dursch den Wolf. Aber ich frag’ nur, es ist ja Ihr Rezept").

Außer Frau Kempe ist nur noch eine Jüdin unter den Teilnehmern. Sie stammt aus dem Elsaß, lebt jetzt in Hessen und will die hiesigen Varianten der traditionellen Rezepte kennenlernen. Alle anderen Hobbyköche sind Christen. Ein Student, eine Buchhändlerin, ein Hotelkaufmann. Die blonde Lufthansa-Angestellte im dunkelblauen Blazer ist mit einem amerikanischen Juden von der Deutschen Bank verlobt, dem sie nicht immer Tortellini vorsetzen will. Ein evangelisches Ehepaar will seine Kinder nicht im christlichen Glauben erziehen – "seit ich das Tagebuch der Anne Frank gelesen habe, geht das nicht mehr", sagt die junge Mutter. Statt dessen sollen sie mit jüdischen Werten und Riten groß werden.