Die Großgrundbesitzer verteidigen ihre Privilegien mit allen Mitteln

Von Carl D. Goerdeler

Augen starren aus dem Dunkeln. Auf Stroh, dicht aneinandergepackt in einer stinkenden Höhle, hocken zahnlose Alte, Schwangere, Säuglinge, Kinder und stämmige Burschen. Lappen, Windeln, Laken und Kleider, Körbe, Koffer und Kartons türmen sich meterhoch; Federvieh liegt zu Bündeln gefesselt am Boden. Dreiundfünfzig Menschen, zehn Köter, drei Dutzend Hühner und ein Schwein auf der Ladefläche eines Mercedes-Benz, Typ 1513. Irgendwo bei Altamira wird Florisvaldo, der Rotbart hinter dem Steuer, seine Fracht an den Rand der Transamazonica kippen. In Bahia gab es für sie weder Arbeit noch Brot. In Amazonien soll es anders sein, hoffen sie stumm.

Eine unerwartete Begegnung an einer Tankstelle im Norden Brasiliens. Wie auf dem Lastwagen, so muß es einst im Inneren der Segelschiffe ausgesehen haben, mit denen die Afrikaner nach Brasilien verschleppt worden sind, um auf den Zuckerrohrplantagen von Pernambuco und Paraiba zu arbeiten. Zucker! Europa leckte sich die Finger danach. In Kuba, der Karibik und Brasilien war damit ein Geschäft zu machen, wenn nur genügend schwarze Sklaven geliefert wurden. „Herrenhaus und Sklavenhütte“ – das waren die Fundamente Brasiliens.

Erst vor hundert Jahren hatte es mit der Sklaverei in Brasilien offiziell ein Ende. Den Kaffee von São Paulo pflückten nicht mehr schwarze Sklaven, sondern italienische Einwanderer und japanische Gastarbeiter. Weiter im Süden förderte die Regierung die Ansiedlung von Bauern aus Preußen und Polen. So entstand dort eine kleinbäuerliche, mittelständische Landwirtschaft, während der Nordosten Brasiliens in der archaischen Welt der coroneis und rancheiros, der Zuckerbarone und Rinderzüchter, verharrte.

Olacyr Francisco de Moraes ist ein besonders reicher Großgrundbesitzer. Ihm gehört der halbe Bundesstaat Mato Grosso. Weltweit erntet kein anderer Agronom so viel Sojabohnen wie er. Sein agroindustrielles Imperium besteht aus Ländereien, Getreidemühlen und Düngerfabriken; Bauunternehmen und Banken kommen hinzu. Doch das große Geschäft heißt heute Soja. 1973 begann man in Brasilien mit dem Anbau der eiweißreichen Sojabohne, und Olacyr de Moraes setzte alles auf das begehrte Viehfutter. Binnen sechzehn Jahren explodierte die brasilianische Sojaernte von 300 000 Tonnen auf 24 Millionen Tonnen (1989). Sojaschrot ist das wichtigste Exportprodukt Brasiliens, 1985 wurden damit allein Deviseneinnahmen von 2,54 Milliarden Dollar erzielt. Soja beansprucht heute mehr landwirtschaftliche Anbaufläche als jedes andere Agarerzeugnis, insgesamt über 10 Millionen Hektar. Der Sojagürtel zieht sich vom äußersten Süden quer durch den Westen bis ins Amazonasgebiet. Keine andere Monokultur hat so schwerwiegende ökonomische, ökologische und soziale Folgen nach sich gezogen wie der Soja-Boom.

Kein Baum, kein Strauch zu sehen, kein Vogel singt, und selbst die Grillen schweigen. Kniehoch ein grünes Meer, das nicht zu enden scheint. Schnurgerade zieht die staubige Piste geradewegs in den azurnen Himmel. Die Grenzen der Fazenda Itamarati Norte liegen jenseits des Horizonts. Der Agraringenieur Alberto Nomura leitet das etwa 120 000 Hektar große Unternehmen mit einer eigenen Forschungsabteilung. Nicht mehr als 600 Landarbeiter braucht er, um die Sojaernte einzubringen; die Fazenda hat einen gewaltigen Maschinenpark, wie alle Sojafarmen. Nordamerika setzt den Maßstab für die brasilianischen Agro-Unternehmer. „Aber wir sind besser als die Gringos“, sagt Alberto Nomura.