Stiller Herbstabend. Krimizeit? Ja, aber heute nicht vor der Flimmerkiste, sondern draußen, gummigestiefelt, mit der Taschenlampe. Kein Stern am Himmel. Tatort der Handlung ist ein zwei bis drei Meter breiter, knapp metertiefer Bach, der zwei Seen im Lauenburgischen verbindet. Schon auf dem Feldweg finden sich vier krummbeinige Nebendarsteller ein. Weder der Lichtstrahl noch meine freundliche Anrede veranlassen die Igel, sich schützend einzurollen. Sie schlagen sich den Wanst voll mit Käfern, Würmern und Fallobst – Proviant für die Winterruhe. Mit der Schnupperschnute, den listigen Augen und dem stacheligen Meckischnitt sorgen sie für einen lustigen Auftakt der Nachtvorstellung.

Der Schein der Lampe streicht über eine Wiese am Bach. Zwei grüngelbe Leuchtpunkte strahlen herüber. Einige Meter daneben zwei weitere. Aha, das Rehwild ist auch auf den Läufen. Ganz geheuer ist dem Bock die ungewohnte „Lichtgestalt“, die am Bachufer entlangstapft, nicht. Er schreckt mit heiserer Stimme zu mir herüber.

Der erste Darsteller erscheint im Lichtkegel. Eine urige Type, kein sichtbares Lampenfieber, unverkennbar sein breites Entenmaul und der muskulöse langgestreckte graue Körper mit den hellen Tigerstreifen und den gelben Flecken an den Flanken. Er ist der Chef im Bach. Seit der Fischotter nicht mehr da ist, hat der Hecht hier keine natürlichen Feinde mehr. Seine Brust- und Bauchflossen fächeln das Wasser. Ein kaum wahrnehmbares Vibrieren der mächtigen Schwanzflosse, die ihn wie eine Rakete vorantreiben kann, wenn er einen Beutefisch verfolgt. Etwas weiter ein Pummel in lässiger Bewegung. Die wulstartigen Lippen öffnen und schließen sich ohne Hektik. Selbst im Lampenlicht ist das feinschuppige, grüngoldene Kleid der Schleie zu erkennen.

Fast am Ende der Vorstellung erscheint im Lichtkegel ein dicker Aal, der – gekrümmt wie ein Fragezeichen, reglos, mit angehobenem Kopf – auf dem Bachgrund liegt. Ich widerstehe der Versuchung, ihn mit einem Stock aufzuschrecken; er ist einer von denen, die sich vor einer langen, gefahrvollen Reise noch einmal ausruhen. Ob er das genetisch vorgegebene Ziel, 6000 Kilometer weit weg im fernen Sargassomeer, in Jahresfrist erreicht, ist allemal ungewiß. Daß er nie wieder zurückkehrt, ist dagegen sicher. Er ist nach dem Laichen zwischen den Bermudas und den Westindischen Inseln zum Sterben verurteilt. Wir können nur auf ein Wiedersehen mit seinem regenwurmgroßen Nachwuchs hoffen. Doch da ist Geduld angesagt. Drei Jahre dauert die gefahrvolle Reise der weidenblattförmigen Larven.

Nachdenklich wandere ich durch die Nacht nach Hause. Georg Peinemann