Gespräch und Aufklärung werden für die alltägliche ärztliche Tätigkeit zunehmend wichtiger. Das hat mehrere Gründe und hängt mit dem medizinisch technischen Fortschritt zusammen: Diagnostik und Therapie werden immer aggressiver und erfolgreicher, sie kosten aber viel Zeit. Für die persönliche Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten bleibt kaum Raum. Der Vorwurf der "Drei Minuten Medizin" beruht auf der Zeitnot der vielbeschäftigten Spezialisten, die sich mit vielerlei Geräten an einem langen Arbeitstag herumplagen. Ein weiterer Grund für die oft beklagte Einsilbigkeit von Ärzten hängt paradoxerweise mit der Vorschrift zum Aufklärungsgespräch zusammen, das häufig einer juristischen Prävention später denkbarer Konfliktsituationen gleicht. Von einer umfassenden Zuwendung für den Patienten, der sich in einer bedrohlichen Lebenssituation befindet, ist zwar oft die Rede. Aber über Absichtserklärungen in schöner Unverbindlichkeit gehen diese Gespräche selten hinaus.

In einer derartigen, durch Sprachlosigkeit gekennzeichneten Situation haben Aufklärungsbücher Konjunktur. Leider sind nur wenige der zahlreichen Schriften auch hilfreich. Die meisten gehen über die Information der rein technischen Behandlungsschritte kaum hinaus oder sind unerträglich vage und unbestimmt, wenn es um die wirklich zentralen Fragen eines Leidens, beispielsweise bei der Krebskrankheit, geht: um die Sinnhaftigkeit des von der Krankheit gezeichneten neuen Lebensabschnittes.

Das Buch des Arztes und Medizinpsychologen Rolf Verres ist eine seltene und daher wohltuende Ausnahme. Der Autor weiß, wovon er spricht. In Universitätskliniken in Hamburg und Heidelberg hat er in der Behandlung und, wichtiger noch, im Umgang mit Krebspatienten Erfahrung sammeln können. Diese stellt er jetzt in seinem Buch vor. Unsere Vorstellungen von Krebs, die häufig nur durch anekdotische Berichte in den Medien geprägt sind, bevor Erfahrungen am eigenen Leibe hinzukommen, können durch inkompetente oder seelenlose Aufklärung zur Orientierungslosigkeit und Verzweiflung führen. Der Rundumschlag des Autors gegen die Boulevardpresse ist allerdings insofern ungerecht, als einige der flachen, unheilstiftenden Texte von prominenten Ärzten stammen beziehungsweise von ihnen beeinflußt sind. Geplapper als postmoderne Kommunikationskultur ist nicht nur auf Journalisten beschränkt. Die Misere bei der Aufklärung hat auch damit zu tun, daß einige Ärzte und Wissenschaftler ihren Elfenbeinturm nicht verlassen mögen. Gespräche mit Kranken oder ihren Angehörigen sind nicht ihre Sache. Ihre häufigen Klagen über das Wuchern von unseriösen Aufklärungstexten fallen damit auf sie zurück.

Rolf Verres hingegen ist für die subjektiven Lebensphilosophien von Krebskranken aufgeschlossen. Er versteht, anders als viele seiner Kollegen, daß Patienten ein tiefverwurzeltes Begehren haben, ihre Vermutungen über die eigene Schuld an der Krankheit wenigstens im Gespräch mit dem Arzt oder den Angehörigen loszuwerden. Verres zitiert aus seiner Heidelberger Arbeitsgruppe über "Subjektive Krankheitstheorien" interessante Befunde. Am Beispiel von brustkrebskranken Frauen konnte er zeigen, daß bestimmte Formen der Krankheitsbewältigung zur Reifung eines Menschen führen können. Die falsche Vorstellung von Krankheit als Schuld sitzt tief.

Die genauen Ursachen für eine Krebserkrankung, das gilt auch für den oft vermuteten Zusammenhang zwischen Krebs und Melancholie, sind weitgehend unbekannt. Das Krebswachstum hängt von der sogenannten Verdopplungsrate der Krebszellen ab und kann bis zur Diagnosestellung viele Jahre dauern. Belastende psychische Ereignisse, die kurz vor der Feststellung der Krebsdiagnose auftreten, können schon aus biologischen Gründen kaum als Ursache verdächtigt werden, auch wenn dies vielen unglücklichen Kranken so einleuchtend erscheint.

Die Ergebnisse der neuen Forschungsrichtung Psychoneuroimmunologie, die mögliche Wechselwirkungen von seelischen Belastungen und immunologischen Funktionen zu beschreiben sucht, lassen keine eindeutigen Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung erkennen. Verres warnt vor der Übertragung experimenteller Ergebnisse bei Ratten und Mäusen auf den Menschen. Schlußfolgerungen aus diesen vereinzelten wissenschaftlichen Beobachtungen für die Lebensführung sind voreilig.

Diese und andere Botschaften in dem Buch, etwa warum es zu lebensgefährlichen Mißverständnissen zwischen Ärzten und Laien kommen kann, sollten viele Leser finden. Zur Lektüre muß man durchaus nicht krebskrank sein. Das Buch richtet sich an uns alle, die wir endlich begreifen sollten, daß es keine sinnlosen Krankheiten gibt, auch wenn uns der Sinn dafür oft viel zu lang verschlossen bleibt.