Ein Freund, ein guter Feund, ach, das war nicht schlecht, es muß ja nicht gleich ein neulich völlig korrekt feststellte, daß es so etwas gibt, selbst unter "Männern, die nur Frauen lieben" — und hier geht es auch gar nicht um Männer, Gott sei Dank, sondern um Lena.

Also noch einmal: ein Freund, ein guter Freund, vor allem ein nützlicher, denn wie schon die Denker der Antike es vermutet haben, und inzwischen ist diese Theorie praktisch erhärtet, hängen Freundschaft und gegenseitiger Nutzen letztlich irgendwie tief drinnen (im Herzen oder wo auch immer die Dinge zusammenhängen) zusammen.

Also noch einmal: Einen Freund, einen guten, nützlichen Freund wünscht Lena sich, einen, der ihr bei den Schulaufgaben hilft und beim Klassenaufsatz und der ihr an der Tafel beim Rechnen vorsagt, der sie beschützt vor feindlichen Eltern und frechen Lehrern und vor allem vor diesem Charakter Schwein von Hund, der sie immer jagt und beißen will.

Und wies so geht in Kinderbilderbüchern ab 4, zapp, da schnellt er schon herbei, zum Fenster rein, der maskierte Turbo Freund, nicht ganz Hollywood Format, das spürt man gleich, obwohl: Der Auftritt stimmt "Hier bin ich, Supermax, dein Retter!" — "Und du kannst Aufsätze schreiben?" — "Na klar, sogar supertolle Das geht nicht gut, das spürt man gleich, wies nie gutgeht, mittendrin in Kinderbilderbüchern. Und siehe, siehste: Für den Aufsatz von Ghostwriter Supermax gibt es wieder eine Fünf. Und auch im Schrank neben der Tafel gut versteckt, schwätzt er Lena bloß Blödsinn vor, der Rechenlehrer kollabiert. Dann, auf dem Heimweg von der Schule, noch der Hund — und wieder nix mit Supermax und seiner "Superkraft". Was für eine Niete, dieser Freund!

Da gibts nur eins, und Lena steigt vom Baum (auf den sie mit Supermax geflüchtet war), zieht wie ein Schwert ihr Lineal, schlägt zu. Der Supermann erblaßt: "Das war eine wirkliche Heldentat! Echt super!"

Tja, so ist das, und wieder was gelernt — aus dieser kleinen Fabel, die Ralf Butschkow fröhlich und ein wenig in der postpopleichten Art des großen Tony ROSS erzählt und mit viel Buntstift ausgemalt hat. Denn, aber auch das wußten schon die Alten: Viel besser als einen Freund zu haben, ist immer noch — ein Freund zu sein.

Neuer Breitschopf Verlag, WienStuttgart 1991; n p, 19 80