Europäische Währungsunion und Binnenmarkt verunsichern viele Bürger. Nationales Denken gewinnt wieder an Boden.

Es herrscht in Deutschland wahrlich keine Begeisterung für die Europäische Währungsunion, die nächste Woche von den Staats- und Regierungschefs der EG lanciert werden soll. Die Bedenken sind verständlich: Kein Land verzichtet gerne auf Attribute und Instrumente der Macht. Die starke D-Mark, die 1997 in die europäische Einheitswährung Ecu aufgehen soll, verkörpert ja nachgerade die Vormachtstellung der Bundesrepublik auf dem alten Kontinent; die Finanzminister und Notenbank-Gouverneure der meisten Nachbarstaaten richten sich nach den Vorgaben aus, die in Bonn und Frankfurt – dem Sitz der Deutschen Bundesbank – beschlossen werden.

Dreierlei kommt hinzu. Da ist erstens die Angst der Deutschen, gutes gegen schlechtes Geld einzutauschen. Zweitens ist vielen Bürgern unbehaglich zumute bei dem Gedanken, daß mit der Gründung einer europäischen Zentralbank ausgerechnet die am besten funktionierende Institution der Nachkriegszeit ausgespielt haben wird: die Bundesbank. Und drittens besteht die Sorge, daß die von Finanznöten geplagte Bundesrepublik zur Kasse gebeten wird, weil eine Währungsunion verstärkte Hilfen an die schwächeren Partner bedingt.

Angesichts der Stimmung im Lande hat Helmut Kohl Mut bewiesen; trotz der vielen Widerstände hat er sich nicht beirren lassen und zielstrebig das unpopuläre Vorhaben betrieben. Hätte der Bundeskanzler an seinem Junktim zwischen der (unausgegorenen) Politischen Union und der (seriös vorbereiteten) Währungsunion festgehalten, wäre es ihm möglich gewesen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen und damit ein Scheitern des Gipfeltreffens von Maastricht zu programmieren. Aber Kohl ist einer der wenigen deutschen Politiker, die konsequent europäisch denken.

Der Kanzler profitiert davon, daß keine der maßgeblichen Parteien die Europäische Währungsunion grundsätzlich ablehnt, wenngleich die Zahl der Bedenkenträger – namentlich in der FDP – nicht gering ist. Die Opposition findet vor allem in der Presse statt, bis hin zu einem ungewohnten Schulterschluß zwischen Spiegel und FAZ, die unisono gegen den „Unfug“ wettern. Und wieder einmal sind angeblich die Franzosen mit ihrem Fimmel für den Ecu die Urheber deutschen Unglücks.

Kein Zweifel, daß sich früher oder später der D-Mark-Chauvinismus auch in der Partei- und Wahlpolitik niederschlagen wird, wenn denn in Maastricht der Fahrplan für die Europäische Währungsunion abgesegnet wird. Große Veränderungen rufen große Verwerfungen hervor. Manches deutet darauf hin, daß in den kommenden Jahren die Ressentiments gegen die Europäische Gemeinschaft, gegen „Brüssel“ und die unliebsamen „Eurokraten“ wachsen werden. Alles Nationale findet, derzeit einen guten Nährboden; auch das Klima der Ausländerfeindlichkeit hilft da mit.

Wenn sich italienische Industrielle am hannoverschen Reifenkonzern Continental beteiligen oder die zwei ostdeutschen Stahlwerke Brandenburg und Hennigsdorf übernehmen wollen, weckt das besondere Ängste, die mit nüchternen betriebswirtschaftlichen Erwägungen allein nicht zu erklären sind. Sogar die bisherige deutsche Gelassenheit gegenüber der japanischen Konkurrenz weicht mehr und mehr einer schrillen Stimmungsmache.