Nun, so hören wir, habe es sich ein für allemal ausgeträumt. Nachdem die Versuche, das Paradies auf Erden zu schaffen, in die Barbarei geführt haben, scheinen alle Bemühungen, die menschlichen Verhältnisse grundlegend zu verbessern, diskreditiert zu sein. Endlich sollen sich Wahn und Wirklichkeit, windige Vision und harte Faktizität, bloß Wünschbares und Machbares wie Tag und Nacht säuberlich voneinander trennen lassen. Ermattet vom Höhenflug der Spekulation, ermüdet vom gesellschaftskritischen Parforceritt, erschöpft vom Muskelspiel hochfahrender Richterposen, machen ehemals rebellische Geister mit dem gesunden Menschenverstand ihren Frieden und verkehren mit dem vormals geschmähten Normalbürger auf du und du. Spät, sehr spät fallt ihnen auf, daß es schon seine Richtigkeit damit habe, wenn die Leute ihre Interessen verfolgen, vom Eigennutz sich leiten lassen, einem durchschnittlichen oder gar einem luxurierenden Konsum frönen.

Andre Glucksmann ist da schon anspruchsvoller als mancher seiner deutschen Kollegen. Nicht das alltägliche Sichdurchwurschteln erhebt er zur höchsten ethischen Norm, sondern die "Moral der ersten Hilfe". Glucksmann propagiert eine Katastrophen Ethik: Ihr geht es nicht darum, das Gute zu verwirklichen, sondern das Böse zu verhindern. Glucksmanns "elftes Gebot" lautet: "Nichts Unmenschliches sei dir fremd Das Unmenschliche als solches gilt es zu betrachten, seiner Scheußlichkeit ins Gesicht zu sehen, sogar so weit, daß wir uns selbst darin erkennen "

Glucksmanns Held ist der Halbgott im weißen Kittel, der zur Stelle ist, wo man seiner schon harrt, der nie fragen muß, wie und warum er etwas tut, der mit beneidenswerter, übermenschlieher Sicherheit weiß, was um der Menschen willen zu geschehen hat. Die harte, aber herzerhebende Notwendigkeit, Schmerz zu lindern und Gefahren entgegenzutreten, erlaubt es, der Humanität eine Lanze zu brechen, ohne von der leidigen Frage, was denn den Menschen zuträglich sei, heimgesucht zu werden. Wie gut, daß es Erdbeben, Hungersnöte, Kriege, wie gut, daß es boat people gibt.

Glucksmann ist berauscht von den Unheilsszenarien unseres Jahrhunders. Um uns in die "Solidarität der Erschütterten" einzustimmen, um uns endlich davon zu überzeugen, daß der Mensch nicht gut, sondern böse ist, scheut Glucksmann vor keinem verbalen Kraftakt, aber auch vor keinem Geschmacks Wagnis zurück "Das Ich, die Welt und Gott glühen im Feuerofen Die Erfahrung des Schmutzes, der Granaten, der Bomben und des Ungeziefers ist wirklich metaphysisch zu nennen, denn sie bringt die Gegenstände der Ersten Philosophie — Gott, Welt und Ich — ins Spiel. Mit den zerquetschten Leibern verlor sich auch die Seele ganz in diesem blutigen Fest, das alle um ihre Würde brachte Die Beschwörung des Unheils wird zur Litanei, das Leiden der Menschen wird sakralisiert "Verdun, die Ebenen der Champagne, Guernfca, die Küste der Normandie, Stalingrad, Treblinka und Auschwitz sind die Heiligen Stätten, an denen das 20. Jahrhundert seine metaphysische Frage entdeckte "Der Krieg ersetzt Gott als zentrale Offenbarung "Nur die , Kinder der Front und der Nacht wissen um die moralische Herausforderung dieses Jahrhunderts " Glucksmanns dröhnende Katastrophen Propaganda will uns einhämmern, was moralisch an der Zeit ist:. Da, wer das Gute will, notwenig die Greuel befördert, gilt es nur mehr, die Übel der Welt und das Böse im Menschen anzuerkennen und — nach Maßgabe der Katastrophenmoral — dem Schlimmsten zu wehren.

Für Glucksmann gibt es zwei, klar voneinander geschiedene Möglichkeiten, sich ethisch zu verhalten "Auf der einen Seite verläuft der negativ ausgerichtete Weg dessen, der unter tragischen Umständen mit den Elementen kämpft und Scharfsinn, Eifer und Intelligenz einsetzt, um dem besonders schlimm Bedrängten beizustehen. Auf der anderen Seite der positive Weg dessen, der weiß, wohin er geht, Ziel und Weg kennt und weiß, wie man hinkommt Während Glucksmann vorgibt, die billige Schwarzweißmalerei, die selbstgerechte Unterscheidung von Gut und Böse überwinden zu wollen, gibt es doch für ihn selbst nur eine schlichte Alternative: Wer mit dem Übel rechnet, gehört zu den Guten, wer versucht, die Dinge zum B esseren zu wenden, hat sich bereits als Terrorist zu erkennen gegeben.

Stalin, Hitler, Chomeini und Saddam, meint Glucksmann, sei es darum gegangen, Ideale zu verwirklichen, Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen, und man sehe ja, wohin das führe. Der Begriff "Fundamentalismus", dessen Charakterisierung Glucksmann lange Passagen seines Buches widmet, tritt an die Stelle des bekannten "Totalitarismus" Konzepts. War es der TotalitarismusTheorie um die ideologischen Wurzeln, immer aber auch um die konkreten institutionellen und technischen Arrangements der verbrecherischen Großsysteme unseres Jahrhunderts gegangen, so verflüchtigt sich deren Physiognomie bei Glucksmann "Fundamentalismus" ist ein ideelles Konstrukt, eine Weltsicht, die, auf welchem Wege auch immer, barbarische Praktiken ausbrütet. Der Fundamentalismus verdammt die westliche Kultur, verspricht das Paradies auf Erden und ermächtigt skrupelloses Handeln. Als Feinde dienen, je nach Opportunität, die Juden oder die Amerikaner. Da zumindest im Westen nach 1945 der Antisemitismus diskreditiert war, nahmen jene, die es in Wirklichkeit auf die Juden abgesehen hatten, eben die Yankees aufs Korn. Antiamerikanismus — das heißt die Kritik an einer US amerikanisch geprägten Zivilisation —, erklärt Glucksmann, sei im Kern antisemitisch.

So mancher von den Terrorregimen unseres Jahrhunderts gejagte jüdische Intellektuelle würde erstaunt darüber sein, von Glucksmann mit seinen schlimmsten Feinden identifiziert zu werden. Doch der Autor ist nicht einmal aufrichtig genug, einzuräumen, daß die von ihm gefeierten Helden der ost- und mitteleuropäischen Befreiung gefährliche Symptome "fundamentalistischen" Denkens aufweisen. Jan Patocka und Vaclav Havel zum Beispiel haben von Heidegger die — von Glucksmmn wie von vielen vor ihm zu Recht kritisierte — Gleichsetzung von stalinistischem Totalitarismus und westlicher, dekadenter, technik- und konsumverfallener Kultur übernommen.