Orpheus, der legendäre altgriechische Dichter, der mit seinem Gesang die wilden Tiere so verzauberte, daß sie sich friedlich um ihn versammelten, lebt heute in Gestalt einer Frau: Angelika Hof er.

Wir kennen sie bereits als "Mutter" einheimischer Wildganse aus zwei erstaunlichen Büchern. Nun ist sie für vier Monate in den peruanischen Amazonas Urwald gereist. Kein Wunder, daß ihr unzählige wildlebende Tiere zugelaufen sind, als besäße sie dafür eine magnetische Anziehungskraft. Gleich zu Beginn wurde von sie zwei riesigen Ära Papageien als "Reittier" benutzt, während sich ein 300 Kilo Schwergewicht von Tapir erbot, ihr die Urwaldpfade zu ebnen und die Führung zu übernehmen. Eine Pause wurde nur eingelegt, als zwei Halsband Pekaris, Angehörige einer Wildschweinart, erschienen und sich der Tapir zu Boden warf, damit die Pekaris alle Zecken und Egel von seiner Haut wegschmatzen konnten. Als Angelikas ständiger Begleiter entpuppte sich ein Baum Ozelot, eine Wildkatze, die größer, flinker und wendiger als die Hauskatze ist. Jede Nacht kuschelte sie sich zu ihr ins Bett, ging sogar allmorgendlich im Camp mit ihr unter die Dusche. Tiere des tropischen Regenwaldes, in dem es an einem Tag so viel regnet wie in Mitteleuropa in sechs Wochen, sind nicht wasserscheu. Dann eröffnete sie das "Restaurant Banane". Mit erstaunlicher Zutraulichkeit tauchten Horden von Brüll, Spring- und Nachtaffen auf, Nasenund Ameisenbären, Goldhasen, und nachts wimmelte es von Fledermäusen.

Ein Paka, ein großer Verwandter des Meerschweinchens, interessierte Angelika besonders. Er wohnt in Erdhöhlen, die oftmals von hochgiftigen Buschmeister Schlangen enteignet werden. Deshalb braucht der Paka ein Antiserum. Er erzeugt es in einer Drüse, lutscht nach einem Schlangenbiß daran und entgeht so dem Tode. Der tropische Regenwald ist auch eine riesige "Apotheke". Gegen jedwedes Leiden wächst hier ein spezielles Heilmittel in Pflanzenform.

Fragt man nach den gefährlichen Raubtieren des Amazonas Dschungels, dann scheinen sie sich bei Angelika Hofer in kleinen Episoden zu verkriechen. Vor den Augen des Lesers entsteht ein völlig anderes Bild vom Amazonas Regenwald, als wir es aus alten Abenteuergeschichten gewohnt sind, in denen das große Fressen und Gefressenwerden grassiert. Im Vergleich dazu erscheint er uns nun fast als Idylle. Trotzdem ist das Buch des weiblich modernen Orpheus keine Märchenerzählung, sondern ein Tatsachenbericht Und das macht es für jung und alt so reizvoll.

Gleichzeitig lernt der Leser den Lebensraum des tropischen Regenwaldes kennen und lieben. Nicht aus der hohen Warte des Darüberschreibens, vielmehr aus der Liebe des Beschreibens. Mit der Autorin fürchtet und bangt er um das Schicksal dieses unersetzlichen Ökosystems, das gegenwärtig von der totalen Vernichtung durch Menschenhand bedroht ist. Ein besonderes Lob auch dem Photographen Günter Ziesler, der die Verfasserin vier Monate lang auf Schritt und Tritt begleitet hat und dem eine Fülle atemberaubender Tierphotos und einmaliger Bilddokumente geglückt sind. Ein harmonischer Zusammenklang von Wort und Bild, dem die Luchs Auszeichnung von ZEIT und Radio Bremen mit Fug und Recht zuteil geworden ist.

So haben beide ein mit 110 Seiten handliches, preiswertes und wichtiges Werk geschaffen, das im Sinne Alexander von Humboldts "den Zusammenhang zwischen der materiellen und moralischen Welt in ein helles Licht setzt". Vitus B. Dröscber B Angelika HoferGünter Ziesler:

Urwaldpfade ars edition, München 1991; 111 S, 34 80 DM LUCHS 63 wurde von Ute Blaich, Jo Pestum, Barbara Scharioth und Konrad Heidkamp ausgewählt. Radio Bremen 2 kulturell wird seinen Hörern in der Sendung Literaturmagazin die "Urwaldpfade" vorstellen (Redaktion: Marion Gerhard, Montag, 9. Dezember, 14 05 Uhr)