Seit vielen Monaten galt der Rubel im internen Zahlungsverkehr wie im russischen Sprachgebrauch nur noch als „Holzklasse“ – so billig wie die dritte Klasse der Eisenbahn nach dem Krieg. Eine monatliche Inflationsrate von fünfzehn Prozent, leere Geschäfte bei blühendem Schwarzhandel und ein – viele Verbraucher von der Versorgung ausschließender – Naturaltausch haben das Vertrauen in die Währung ruiniert. Der Rubel ist fast wertlos geworden. Und dennoch kommt in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion noch niemand ohne ihn weiter.

Dessen war sich Wiktor Geraschtschenko, der Chef der Staatsbank, sehr wohl bewußt, als er am Freitag vergangener Woche den Fernsehzuschauern eröffnete, sein Institut sei bankrott. Der Bargeldbestand von rund drei Milliarden Rubeln reiche gerade noch für zwei Tage. Mit blassem Gesicht tat er kund, wen die Schuld daran treffe: die Parlamentsabgeordneten Rußlands. Sie hatten auf Geheiß von Gennadij Burbulis und Jegor Gajdar, den beiden Spitzenpolitikern der russischen Regierung, den Nachtragshaushalt der Union über 90,5 Milliarden für den Rest des Jahres ebenso abgelehnt wie die Finanzierung durch die Notenpresse.

Boris Jelzin, der Retter in der Not, brauchte diesmal nicht einmal drei Tage wie damals während des Putsches im August. Der Präsident der russischen Republik erklärte am Wochenende: Sowjetbürger und Sowjetarmee erhalten ihr Geld und ihren Sold, „Rußland garantiert das“. Wie nach dem Putsch gewann Jelzin auch durch diesen Coup mehr Macht für seinen Reformkurs. Seine bisherigen Versuche, die sowjetische Staatsbank – und damit die höchst inflationäre Geld- und Finanzpolitik der Union – der Kontrolle der russischen Führung zu unterstellen, hatte Gosbank-Chef und Gorbatschow-Gehilfe Geraschtschenko hartnäckig abgewehrt. Das gelang ihm nicht zuletzt dank des Ansehens, das er und Michail Gorbatschow im Westen noch genossen.

Weil sich die russische Regierung politisch nicht durchsetzen konnte, griff sie zur wirtschaftlichen Lösung: Sie trieb die Staatsbank zielstrebig in die Pleite. Georgij Matjuchin, Chef der Zentralbank Rußlands, ließ bereits vor einiger Zeit durchblicken, daß seine Republik begonnen habe, Rubel zu horten. Auf jeden Fall unterband Rußland nicht den immensen Zustrom von Rubeln aus anderen Republiken. Die Scheine kamen gleich säckeweise – teils als Fluchtgeld im Vorfeld der angekündigten eigenen Währungen, teils als Schwarzmarkt-Geld, mit dem Waren aufgekauft werden sollten, die Rußland für sich produzierte. Die wichtigste Rubel-Quelle, die Notenpresse, befindet sich ohnehin auf russischem Territorium und damit potentiell unter russischer Kontrolle.

An Rubeln fehlte es also eigentlich gar nicht – sie fehlten nur der Staatsbank. Das freilich wußte das Fernsehpublikum, an das sich Geraschtschenko wandte, nicht. Den Bürgern war nur klar: Wenn Millionen Rentner, Lehrer, Ärzte, Müllmänner und Militärangehörige ihr meist bescheidenes Einkommen nicht ausbezahlt bekommen würden, wäre das eine Katastrophe. Unterversorgung und Armut hätten sich für eine breite Schicht in Hunger verwandelt. In der zerrütteten Wirtschaft lauert die Hungersnot und bedroht sowohl die Menschen als auch die Machthaber der postbolschewistischen Übergangsphase.

Einen solchen totalen Einbruch versuchen deshalb die noch immer einflußreichen früheren Funktionäre von KPdSU und KGB herbeizureden. Die meisten Nachrichten über Unmuts- und Protestaktionen der Bevölkerung kommen daher aus Regionen, deren Führungen gegen den russischen Präsidenten und sein Programm aktiv und passiv Widerstand leisten. Ihr Hauptverbündeter war der im August mitputschende Ministerpräsident Walentin Pawlow und seine noch vom alten Politbüro zusammengesetzte Regierung.

Die marktfeindliche Politik Pawlows und seines Vorgängers Nikolaj Ryschkow hat die Strukturkrise der sowjetischen Wirtschaft verschärft. Beihilfe zur Zerrüttung leisteten Gorbatschow und Geraschtschenko. Noch im Februar und Juni dieses Jahres ließ der sowjetische Präsident den durch Gesetz als Währungshüter verpflichteten Bankenchef insgesamt neunzig Milliarden Rubel drucken – am Parlament vorbei. Auch diese horrende Summe genügte nicht, um das Haushaltsdefizit für 1991 – vom Obersten Sowjet ursprünglich auf 26 Milliarden Rubel begrenzt – zu decken. Die gleiche Summe war für das vierte Quartal nötig, um die inzwischen gegen die souveränen Republiken agierende Wirtschafts- und Verteilungszentrale funktionsfähig zu halten. Doch diesmal sagte Rußland: Nein.