Bilder sind Bilder, und Worte sind Worte. Wie aber sind Photos, Ablichtungen in Wortbilder zu fassen? Immer ist es nur eine Beschreibung von Vergangenheit. Uns schaut etwas Zurückliegendes an. Wir begreifen es oder blättern verständnislos weiter, weil Bildsprache zwar selbstverständlich, jedoch allzuoft unbegreiflich bleibt Über zwölf Jahre hat der Ex DDR Photograph Gerhard Gabler seine Langzeitbeobachtungen in aller Schwarzweiß Grauheit aufs trefflichste festgehalten, und Günter Kunert hat dem Bildband kurzgedachte, weitsinnige Gedanken vorweggeschickt. Im Bildhaften ist Gabler den Mitmenschen immer ganz nahe, hält Abstand, bleibt als Reporter unerkannt. Auf viel weißem Fond, nur mit Ortsangabe und Jahreszahl versehen, sind die Bilder im Gegenüber überzeugend arrangiert. Wer etwas von DDRWirklichkeiten erfahren will, gleitet mit den Photos in eben sehr deutsche Wirklichkeiten, allzuoft eher in Unwirklichkeiten. Daher wundert es nicht, daß das Werk, "Ostbad" genannt wurde. Eine Reinwaschung?

Leipzig im Jahre 1985: Wir sehen eine Litfaßsäule, dick überklebt mit weißen und grauen leeren Papierbahnen. Es gibt keine Parolen, keine Mitteilungen. Leere ist angezeigt. Das Photo gegenüber erfaßt einen Mann mit Aktentasche, leicht von der Seite gesehen. Die andere, die linke Hand hält eine Kamera vor das linke Auge gepreßt. Das rechte Auge ist verzerrt geschlossen. Er schaut angestrengt, verkniffen durch die Optik, den Sucher. Dieser Mann kann aber gar nicht fähig sein, ein Bild zu machen, denn der Auslöser, der von seiner rechten Aktentaschenhand zu betätigen wäre, ist eben durch dieses herabhängende Gewicht blockiert. Wir erfahren auch nicht, was dieser Mann hätte festhalten wollen, sehen nur ihn in seiner Absurdität als einen Vereinzelten.

Alle Bilder stehen konzentriert und ergeben Blatt für Blatt ein mosaikhaftes Gesamtbild von DDR Vergangenheit. Wie Günter Kunert sagt: "Wer immer vor fremden Türen kehrt, erstickt eines Tages im Dreck vor seiner eigenen Im zufälligen Vorübergehen gesehen und festgehalten: eine alte Frau, die versucht, einen hochstämmigen Rosenstock in den Trabi ihres Mannes zu schieben. Durch das dornige Astwerk schaut uns die Frau erschrocken an, während ihr Mann hinter seinem Steuer angstvoll Obacht gibt, daß am Gefährt nichts beschädigt wird. Das Photo ist am Spätnachmittag vor einer dunklen Straßenflucht entstanden. Weitergeblättert, aber noch kein Schlußbild, ein Photo vom 6. Oktober 1989, flüchtig und hellwach zugleich, gesehen an einem nicht sonnigen Tag: drei Frauen, die mittlere in Arbeitskleidung auf dem Sprung, mit einem Bananenbündel, fest umschlungen vor die Brust gepreßt. Ein Bild in Bewegung. Ein Schatz, der wie Gold in die Zukunft weist. Zu sehen sind Menschen, die eine Bühne verlassen haben und eine neue betreten werden. Wolfgang Wiese Fotografien. Mit Texten von Günter Kunert und einer Einführung von Jan Thorn Prikker; J H W. Dietz Verlag, Bonn 1991; 200 S , 163 Photos, 48 - DM