Versuche, den Verfall der Sowjetunion journalistisch zu begleiten, gleichen in den letzten Jahren immer mehr modernen Varianten der Geschichte vom Hasen und Igel: Mag sich der Journalist auch noch so sehr beeilen, wenn der Artikel oder gar das Buch den Markt erreichen, mutet die Beschreibung morgen zweifelhaft und übermorgen schon obsolet an.

So ergeht es auch „Moskau! Moskau!“ von Christopher Hope, das im Herbst 1991 zum Preis von 34,– DM bei Klett-Cotta in deutscher Übersetzung erschienen ist. Geschrieben 1988/89, verrät bereits der Grundton, daß diese Eindrücke kaum noch mit der gegenwärtigen Situation korrespondieren. Obwohl alles andere als schönfärberisch, atmen die von Hope mit leichter Hand skizzierten Alltagsbegebenheiten und Gespräche noch etwas von der spezifischen Mischung aus Misere und Aufbruch der Gorbatschow-Ära, ist die Stimmung der vorgestellten Menschen weniger geprägt von Resignation und Verzweiflung als von Dynamik und Hoffnung auf baldige Besserung. Aber inzwischen dürfte selbst in Moskau das für den ausländischen Beobachter so aufregende Amalgam aus Mangel, Alltagssorgen und hektischem Auskosten der neugewonnenen, vor allem kulturellen Freiheiten angesichts ausbleibender positiver Veränderungen viel von seiner Faszinationskraft eingebüßt haben.

Was dem Buch dennoch einen großen Teil seiner Gültigkeit erhält, ist die facettenreiche Vielzahl von Augenblicksaufnahmen, von Gesprächsfragmenten und lebendiger Detailliertheit an unterschiedlichsten Schauplätzen. Die akribische Selbstbeschränkung auf das Kleine, Ausschnitthafte ermöglicht es Hope, eine Art mentalitätsgeschichtliches Panorama der Moskauer Bevölkerung entstehen zu lassen, dem man auch 1991 Aktualität bescheinigen muß.

Der Autor – ausgestattet mit einem ausgeprägten Sensorium fürs Skurrile und Absurde und gewappnet mit einer gehörigen Portion ironischer Distanz – vermag den Leser zu fesseln. Daß er ihn trotz der in nahezu allen beschriebenen Situationen gegenwärtiger Desolatheit nicht selten zum Lachen bringt, belegt, daß Hope mit diesen Schilderungen ein beachtliches Stück Reiseliteratur gelungen ist. Joachim Szodrzynski