Elja flieht von zu Hause, als sich ihre Mutter zum zweitenmal verheiratet "Die zwanzigjährige Elja dachte, daß Liebe nur für Zwanzig, na vielleicht noch für Dreißigjährige existiert. Aber mit fünfzig Mit fünfzig war so was widernatürlich und peinlich, und wenn es schon passierte, sollte man es verstecken, geheimhalten, mit gesenktem Blick herumlaufen, aber nicht auch noch wiehern wie Kriegsveteranen Gäule Elja lernt Tolik kennen, den Jungen vom Land, und wenn sie ihn auch nicht gerade liebt, so heiratet sie ihn doch, denn er gehört ganz und gar ihr, und "etwas Eigenes in fremde Hände zu geben, fand Elja schade "

Mit Tolik wohnt Elja nun auf dem Land, wo alle Tage gleich sind. Elja träumt von einem anderen Leben, will vielleicht nach Moskau, nach Moskau, wie die drei Schwestern von Tschechow. Und eines Tages gibt ihr jemand einen Umschlag mit zwei Karten für eine Filmveranstaltung und ändert damit ihr Leben.

Sie geht mit dem heruntergekommenen Schauspieler Igor Mischatkin nach Moskau. Igor trinkt, weil seine Träume nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und Elja denkt praktisch: Wenn das so ist, dann muß man das Leben so gestalten, daß es den Träumen gleicht. Sie besorgt Igor bessere Rollen, eine größere Wohnung, einen Arzt, der ihn vom Saufen kuriert. Und sie wünscht sich dafür: Liebe. Aber seltsam, überall, wo sie eingegriffen hat, geht es ohne sie weiter, und sie steht am Rand mit dem Gefühl, tot zu sein — "Ein Mensch gilt als tot, wenn das Herz stillsteht. Und was, wenn die Seele stillsteht?" Elja rafft sich noch einmal auf und heiratet ein Papachen aus dem Westen — der Westen, in dessen Buchläden stapelweise die daheim so raren Bücher herumliegen — "Was brauchen die hier unser Leben? dachte Elja "

Und dann reist sie mit Westgütern zwischen Ost und West hin und her und ist plötzlich auch wieder bei Tolik auf dem Land: "Wozu die weite. Reise, die lange Fahrt, die vielen Zwischenstationen, wenn man doch wieder genau an denselben Punkt gelangte?" — "Freiheit ist wunderbar, doch ernähren kann man sich davon auch nicht", sagte die Tokarjewa in einem Interview. Und so ist es auch mit den Träumen.

"Happy End" ist ein kostbares kleines Buch, das der Diogenes Verlag mit seinem Einbandtext von der "Unschuld vom Land" fast hinrichtet. Es ist die Geschichte einer Frau, die unter dem Schutz der Perestrojka ihr Leben in die Hand nimmt, auf ihre revolutionäre Sehnsucht hört — und scheitert. Das wird rasch, nüchtern, fast lakonisch erzählt, und es hätte gewiß ein opulenter Roman daraus werden können. Aber Viktorija Tokarjewa ist eine Kurzgeschichtenerzählerin. Hätte Gorbatschow auf Elja gehört, sagt uns diese Geschichte, sähe es in der Sowjetunion jetzt anders aus! Nur: In Eljas Herz wäre wahrscheinlich dieselbe vertraute Einsamkeit. Elke Heidenreich l Viktorija Tokarjewa:

Happy End Aus dem Russischen von Angelika Schneider; Diogenes Verlag, Zürich 1991; 136 S, 22 80 DM