Der Schluß des Buches sollte wie üblich, auf keinen Fall verraten werden. Es nützt aber auch wenig, ihn vorwitzigerweise zuerst zu lesen oder vielleicht nach der Hälfte des Buches, da sich die Geschichten den Teufel um den Schluß kümmern. Sie sind der Extrakt des Lebens: spannend, rührend, nachdenklich, witzig oder tragisch. Und fast wie im richtigen Leben verwandelt ein glücklicher Tod den Leichenschmaus in eine endlose Folge guter Geschichten. Die schönste Art, sich zu erinnern — die Lust, Geschichten zu erzählen.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Bleisoldaten. Dieser Abend, als der junge Wellington George Armstrong seinem Vater, dem General, stockend mitteilt, daß er lieber Arzt werden würde, statt die familienübliche Militärlaufbahn einzuschlagen. Dieser Abend, an dem für den General eine Welt zusammenbricht, er seinen Sohn als widerlichen Feigling beschimpft, bis endlich Onkel Charlie aufsteht und ein Strategiespiel vorschlägt, ein Spiel um die Zukunft des Sohnes. Ein Spiel auf Leben und Tod. Die Bleisoldaten werden aufgestellt, die Jacke des Onkels als Hügel drapiert, und der alte General zieht in seine letzte Schlacht gegen den dreizehnjährigen Wellington. Mit Würfeln, mit Taktik und der schließlich entscheidenden tödlichen Spielsituation: Vater respektive Sohn in der Hand des Feindes. Ehre oder Kapitulation? Eine Jacke und zwei Quadratmeter Orientteppich mit dem eigenen Blut durchtränkt? Oder vielleicht die Geschichte vom Matrosen, der Regenschirme haßt und deshalb einen Mord begeht? Die Erzählung vom Seeräuber und seiner Liebe zu einem Cembalo? Oder dem eitlen Mädchen, das vom Spiegel aufgesaugt wird und spiegelbildlich ins Leben zurückkehrt?

Geraldine McCaughreans Buch "Lauter Lügen" steckt voller Geschichten, die sich wie von selbst erzählen. Und doch erscheint es nicht als bloße Sammlung, als beliebige Aneinanderreihung, denn der Rahmen, der es umschließt, ist kunstvoll gedrechselt.

In der Bücherei trifft die vierzehnjährige Ailsa eines Nachmittags einen merkwürdigen jungen Mann. Er nennt sich MCC Berkshire, kommt angeblich aus Reading (!) und überredet Ailsa, ihn in dem Trödelladen arbeiten zu lassen, den ihre Mutter mehr schlecht als recht betreibt. Keiner interessiert sich für die Bleisoldaten, den riesigen Spiegel mit den blinden Flecken, das verstimmte Cembalo, den vorsintflutlich gewaltigen Kleiderständer mit dem Regenschirmhalter. Keiner, bis — ja, bis MCC Berkshire zu erzählen anhebt: Ge schichten zum Versinken, zum Mitträumen, Geschichten, die den alten Plunder in ein geheimnisvoll diffuses Licht tauchen. Jedes Möbel beginnt zu leben, wird immer faßbarer, je dichter sich der Nebel der Vergangenheit darüberlegt.

Und jeden Gegenstand überzieht — seinem Alter, Stil und Material entsprechend — die Form, die zu ihm paßt: als Gedicht, als Anekdote oder Vampirparodie, als Detektivstory ä la Doyle oder als schaurige Erzählung in der Manier Edgar Allen Poes. Geraldine McCaughrean jongliert mit den Träumen, mit der Macht der Wörter über die Dinge, mit der Illusion des Lesers, und schließlich würde man ohne zu zögern die Bleisoldaten, das Cembalo, den Schirmständer, den Spiegel und all die anderen toten Dinge erwerben, sie nach Hause schaffen, aufstellen und immer wieder ihren Geschichten zuhören. Und am Schluß bleibt das Grübeln: Warum im Leben Lügen als Wahrheiten verkauft und in Büchern Wahrheiten als Lügengeschichten getarnt werden. Warum das Ende alles verändert und an den Geschichten sich doch nichts ändert. Nach dem letzten Satz möchte man gerne wieder von vorne anfangen. Und deshalb sollte man darauf verzichten, etwas über den Schluß erfahren zu wollen. Konrad Heidkamp Geraldine McCaughrean:

Lauter Lügen C. Dressler Verlag, Hamburg 1991; 19 80