Zwei Wochen lang streifte Dieter Matthes durch die Straßen St. Peterburgs, als die Stadt an der Newa noch Leningrad hieß. Er stieß auf Zeichen des Verfalls, wie sie von Potsdam bis Wladiwostok in jeder Stadt zu finden sind, in der der Sozialismus seine Spuren hinterlassen hat: aus dem Pflaster herausragende Gleise der Straßenbahn, geborstene Trottoire Kioske, die nichts zu bieten haben, verfallene Telephonkabinen und brökkelnde Fassaden. Aber mehr als dies faszinierten Dieter Matthes, der von Haus aus Arzt ist, die Menschen: das Eis schleckende Mädchen, der etwas grimmig blickende Offizier, ein Hochzeitspaar. Männer und Frauen, junge Mädchen — verhalten, scheu fast.

Eindrucksvolle Bilder: Eine Stadt wird durch ihre Menschen beschrieben. Ein vorzüglicher Essay ergänzt die Photos.

Karl Schlögel, der in Konstanz Slawistik lehrt, K;rmer des heutigen, aber auch des alten Rußlands. Sein Portrait dieser vielgeschundenen Stadt an der Newa, die zu Beginn des Jahrhunderts den Vergleich zu Wien, Berlin und New York standhielt, zeigt den qualvollen Wandel durch die Geschichte: St. Petersburg, Petrograd, Leningrad, St. Petersburg.

Für die Zukunft der Stadt ist ihm nicht bange, denn während der Putschtage im August dieses Jaires wankte Leningrad zu keiner Stunde. Schlögel schreibt: "Der Putsch hat die Stadt an der Newa aus der weltgeschichtlichen Provinz, in der sie dahindämmerte, herausgerissen. Wie weggewischt war die Trauer, die sonst über der zum Museum degradierten alten Hauptstadt lag. Der Putsch hat mehr bewirkt als alle Nostalgie: die Geburt des neuen Sankt Petersburg, das aus eigener Kraft lebt und nicht vom Mythos "

B Leningrad St. Petersburg Photographien von Dieter Matthes; mit einem Essay von Karl Schlögel Argon Verlag, Berlin 1991; 93 S, Abb , DM