Es gab zwei Möglichkeiten. Die altersgemäß tolerierten Bücher zu lesen, oder den Bücherschrank der Eltern nach vielversprechenden Titeln abzusuchen. Karl May, Enid Blyton oder Gerstäcker wurden erfreut als Lesehunger interpretiert, Jerry Cotton oder Perry Rhodan mißbilligend in Kauf genommen, solang die Deutschnote nicht absackte. Die eigene Unzufriedenheit blieb. Auch in den Bücherreihen der Eltern fand man nichts, was mit einem selbst zu tun hatte. Ich suchte — ohne es zu wissen — nach den "Unanständigen" von Leif Panduro. Die ersten hundert Seiten hätte ich in einem Zug verschlungen. Die zweite Hälfte wäre mir damals — mit vierzehn — vielleicht fremd geblieben.

Zwei Villen am Stadtrand von Kopenhagen. Zwei Welten. In den dreißiger Jahren vor dem großen Krieg. Das eine Haus bewohnt vom siebzehnjährigen Thomas, seinem Vater, einem Direktor mit "Felswandgesicht" und einer Mutter, die "einfach, bescheiden und ständig verzweifelt" war. Das andere Haus belebt von den Unanständigen. Doch Leif Panduro konstruiert keine Modelle, er setzt Beobachtungen gegeneinander. Mit der Zeit trifft Thomas auf die ganze Familie der Nachbarvilla: Conrad, der Vater, ein Schöpfer unsinniger Erfindungen, seine Frau Edith und ihr dichtender Liebhaber Frederik, Conrads schwuler Sohn Eugen aus erster Ehe, der Onkel, ein Politiker und vor allem die Zwillinge Topsy und Mick, von denen sich Thomas ebenso fasziniert wie verwirrt fühlt. Er beobachtet sie, begreift sie aber nicht, "genauso wie ein kleines Kind eben den großen Elefanten nicht mit einem Blick erfassen kann und nur Details sieht, Rüssel, Beine, Schwanz".

Die großen Brüste Ediths, der Po Topsys, das Glied Micks, die Whiskyflasche Frederiks — die Einzelheit wird zum Entscheidenden, das Weltbild der Unanständigen zur unverständlichen Bedrohung. Auf den ersten Blick erscheint der Gegensatz überdeutlich: hier der in Normen, Pünktlichkeit und Standpunkten erstarrte Vater sowie die karottenessende Mutter, die jedes Unglück glücklich als Bestätigung ihres präventiven Kummers sieht: "Zufrieden seufzte seine Mutter ob der harten Schicksalsschläge. Durch Krieg und Rationierung fühlte sie sich persönlich verfolgt Dort ein Leben, das alles nimmt, wie es gut ist, ohne zu werten, ohne sich den Kopf über richtig und falsch zu zerbrechen. Es ist kein Gegensatz. Wenn Thomas über seinen Vater urteilt, bei ihm sei "das Wahrgenommene auch das einzig Wahre", dann gilt das auch für die Unanständigen, nur leben sie im Zustand der moralischen Unschuld.

Thomas Versuche, diesen Zustand wiederzufinden, scheitern. Sie scheitern nicht nur am "Glokkenschlaggesicht" seines Vaters, an der Angst, die Enttäuschung des Vaters besiegele die eigene Niederlage, sie zerbrechen vor allem an der Hilflosigkeit des Verstandes, der analysierend hinterherhinkt, als Bleigewicht an den Wünschen hängend. Während Topsy nachts darauf wartet, daß Thomas zu ihr kommt, verirren sich seine Gedanken in Sackgassen und Abwegen, um nicht das nackte Mädchen im Nebenzimmer fühlen zu müssen. Sieben Seiten Gedankensalven, Assoziationen, Verästelungen und Wörter, zwischen die sich immer wieder ihr Bild schiebt. Vielleicht sind diese Seiten schon das ganze Buch wert.

"Die Unanständigen" — ein Frühwerk des in Dänemark populären und mehrfach ausgezeichneten Autors, der 1977 starb — kann auch als politisches Buch gelesen werden. Vor der Kulisse des drohenden Krieges agieren die Statisten der Vernunft, wägen ab, taktieren, zeigen Verständnis für die Bedürfnisse des deutschen Volks, bis sie selbst überrannt werden und der Krieg alle Probleme löst "Die vielen Feinde waren auf einen reduziert" und damit auch die Konflikte des jungen Thomas.

Er tritt der Widerstandsbewegung bei, die Fronten sind klar, und das Buch kippt — stilistisch und inhaltlich. So wie der Krieg alles Private einebnet und auslöscht, der Auflehnung und dem inneren Chaos ein äußeres Ziel verschreibt, verschwinden die Unanständigen als Bedrohung. Zurück bleibt die Zukunft, die Verantwortung, ein neues "Standpunktgesicht".

Leif Panduros Buch ist eine notwendige Herausforderung. Kurze, expressionistisch angehauchte Sätze, Beobachtungssätze, die sich gegenseitig kommentieren und in Frage stellen. Witz, Groteske und Dialogfetzen. Verknappt und auf das Wesentliche verkürzt.