Reifenmarkt

Am vergangenen Samstag wurde in Mailand die Rechnung präsentiert. Eine halbe Milliarde Mark muß der Mailänder Kabel- und Reifenkonzern Pirelli bis zum Jahresende den Freunden vergüten, die ihm helfen wollten, die Aktienmehrheit der Continental AG in Hannover zu übernehmen. Die Attacke war vergeblich, die Freundschaft teuer. Denn in einem geheimen Vertrag ist festgeschrieben, daß Pirelli für Kursverluste und Zinsen der Partner aufzukommen hat.

Der Pakt wurde Anfang 1990 geschlossen. Damals entschied sich der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt, durch einen Handstreich den viertgrößten Reifenhersteller in seine Gewalt zu bekommen. Damit hätte Pirelli mit vierzehn Prozent Marktanteil auf einen Schlag neben Goodyear, Michelin und Bridgestone die Riege der Reifenriesen angeführt. Doch allein war der Konzern finanziell zu schwach für den Coup. Also organisierte er eine Seilschaft. Der Gewinn sollte nach erlegter Beute verteilt werden. Für etwaige Verluste, mit denen damals nicht zu rechnen war, wollte Pirelli im fernen November 1991 einstehen, falls bis dahin die Übernahme nicht zustandekam.

Im Spätsommer 1990 deckte Leopoldo Pirelli die Karten auf. Er erklärte, Konzern und Freunde hätten die Aktienmehrheit bei Conti erworben. Dessen Führung solle künftig in Mailand liegen. Die Überraschung war groß. Aber Leopoldo Pirelli, der seit einem Vierteljahrhundert die Geschicke seines Konzerns leitet, hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. "So nicht, Herr Pirelli", rief Vorstandschef Horst Urban und berichtete der Öffentlichkeit, Conti solle mit dem Erwerb der Pirelli-Reifenholding seine eigene Übernahme bezahlen. Prompt formierte sich eine Abwehrfront, der auch maßgebende deutsche Autohersteller beitraten – ihnen war nicht sehr daran gelegen, ein Angebots-Oligopol für Reifen zu fördern. "Wir haben damals wohl mehr auf die Meinung der Aktionäre als auf die des Vorstands geachtet – und vielleicht auch unser Angebot falsch formuliert", gibt Leopoldo Pirelli heute zu.

In den folgenden Conti-Hauptversammlungen präsentierte Pirelli nie die Aktienmehrheit, die der Konzern doch zu haben vorgab. Schließlich boten die Mailänder dem niedersächsischen Unternehmen Kooperationsverhandlungen auf der Basis der Gleichberechtigung an. Die mächtige Mailänder Industriefinanzierungsbank Mediobanca und die Deutsche Bank zogen als Finanzprotektoren die hitzköpfigen Vorstände beider Seiten aus dem Gefecht. Sieben Monate lang spielten die Nachwuchs-Chefs Hubertus von Grünberg und Marco Tronchetti Provera, Schwiegersohn von Leopoldo Pirelli, alle Kooperationsmöglichkeiten durch. Schon rückte ein Vertrag in greifbare Nähe. Der sah aber nur eine Zusammenarbeit auf begrenzten Gebieten vor. In einem wesentlichen Punkt blitzten die Italiener ab: Von einer finanziellen Verflechtung, welche für den Pirelli-Konzern und seine Seilschaft zumindest einen Teil der inzwischen eingetretenen Kursverluste ausgeglichen hätte, wollte Conti nichts wissen. Daran scheiterte schließlich der ganze Pakt.

Der Abrechnungstag der Pirelli-Seilschaft kam nun Ende November. Zeit für Leopoldo Pirelli, auch dem führenden Aktionärskreis seines Konzerns eine Bilanz vorzulegen, die so schockierend war, daß der Patriarch seinen Rücktritt anbot. Doch er hatte Glück. Familie und Aktionärsfreunde baten ihn zu bleiben, denn "Pirelli ohne Leopoldo wäre wie ein Fiat ohne Giovanni Agnelli". Dann schluckten sie die bittere Pille: Für 1991 wird die Hauptgesellschaft Pirelli SpA 900 Millionen Mark Verlust ausweisen. Zu der Conti-Rechnung von einer halben Milliarde Mark kommen nämlich noch herbe Verluste aus dem Reifengeschäft. Verdiente der Konzern im vergangenen Jahr zumindest noch gut 200 Millionen Mark in den Sparten Kabel und Diverse Produkte, so fressen die Reifenverluste dieses Jahr auch diesen Gewinn auf und bringen zusätzlich mehr als 100 Millionen Mark minus. Die Verluste aus dem Reifengeschäft sind damit mehr als dreimal so groß wie bei Conti. Um reinen Tisch zu machen, wird die Pirelliführung außerdem 1991 weitere 300 Millionen Mark Verlust für Sanierungsmaßnahmen abbuchen, die nächstes Jahr fällig werden.

Und wie kommt Pirelli bei fast fünf Milliarden Mark Konzernschulden aus der Finanzklemme? Der junge und energische Marco Tronchetti Provera, der immer mehr als Thronfolger seines Schwiegervaters erscheint, ist nicht zimperlich. Die Abteilung Diverse Produkte mit mehr als zwei Milliarden Mark Umsatz und 13 000 Beschäftigten soll für mindestens 1,3 Milliarden Mark verkauft werden. Sie trägt derzeit mit einem Siebtel zum Konzernumsatz bei und bringt überdurchschnittlichen Gewinn. Zu ihr gehört die Münchner Firma Metzeler, die allein mehrere tausend Personen beschäftigt. Für Metzeler, vor einigen Jahren von Bayer Leverkusen an Pirelli verkauft, interessiert sich nun Continental.