Wolfen, eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt, wäre sicher kaum jemand bekannt ohne die „Flugasche“ aus dem benachbarten Bitterfeld und ohne jenes Signum, das einst als Markenzeichen galt: Orwo. Orwo steht für schwarzweiße und „bunte“ Filme. Die Zukunft der inzwischen privatisierten Filmfabrik ist zwar alles andere als gewiß, so schwarzweiß (oder bur.t?) wie heute ging es dort jedoch selten zu. Ökonomische und soziale Pressionen einmal beiseite, verdient eine in diesen Herbst erlassene, besonders delikate Dienstanweisung öffentliches Interesse. Der Vorstandsvorsitzende selbst, Dr. Löhnert, unterzeichnete einen Erlaß „über den Umgang mit wissenschaftlicher Fachliteratur bei Auflösung von Struktureinheiten und bei Ausgliederung von Betriebsteilen der Filmfabrik Wolfen AG“. Auf sein Geheiß soll Literatur, die vor 1945 und seit 1990 erschienen ist, sowie die des westlichen Auslandes in der wertvollen Wissenschaftlichen Bibliothek des Stammhauses abgeliefert werden.

So weit, so gut? Mitnichten, denn die Angelegenheit hat mehr als einen Haken. Punkt zwei der Weisung lautet nämlich: „Literatur aus den ehemaligen DDR-Verlagen ist von den Struktureinheiten zu vernichten.“ Und weiter heißt es: „Vor der Vernichtung ist das Titelblatt des Buches, auf dessen Rückseite sich der Eigentumsstempel der Filmfabrik Wolfen AG mit der Strukturbezeichnung und der Zugangsnummer befindet, zu entfernen. Diese Titelblätter sind der Wissenschaftlichen Bibliothek zu übergeben.“

Wäre der Vorgang nicht so ernst, könnte er mit einem ironischen Verweis auf den geplagten Jäger angetan werden, der der grausamen Königin Schneewittchens Herz als Zeichen ihres Todes bringen mußte. Aber bedroht sind Tausende Bücher – und gemeint ist beileibe nicht der verschwindend geringe Teil, der als rot-weiße Broschur mit SED-Emblem regelmäßig unter die desinteressierten Massen gestreut wurde. Der mag getrost den Weg alles Irdischen gehen. Zu verstehen ist auch, daß jede Bibliothek mit ihrem Platz geizen muß, also nicht Dutzende Exemplare des gleichen Titels Dutzende ren kann. Unbegreiflich indes bleibt, daß Löhnert gleichzeitig kundtat: „Ein Verkauf wissenschaftlicher Literatur an Mitarbeiter des Unternehmens findet nicht statt.“ Und an einen Skandal grenzt die Ignoranz der Firmenleitung gegenüber dem Angebot des renommierten Buchhauses Dessau, ausgesonderte Literatur komplett zu übernehmen, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Diese Offerte gilt nach wie vor, übrigens nicht nur für Wolfen, aber Hilferufe werden von der lokalen Presse nicht veröffentlicht, und wenn kein Wunder geschieht, endet die Ratio im Reißwolf.

Denn Wolfen ist kein Einzelfall. Wochen bevor die harte D-Mark über die Elbe rollte, verdammten Buchhändler Literatur aus DDR-Verlagen in Ramschkästen oder Container. So erging es zum Beispiel André Gide in Gera, Thomas Mann und Raymond Chandler in Frankfurt an der Oder (Einheimische werden die Listen beliebig fortsetzen können). Den fast 50 000 Büchereien und Bücherstuben blieb derweil eine Galgenfrist bis Mitte 1990.

Zuerst schlossen die Gemeinde- und Gewerkschaftsbibliotheken, die zu jedem nennenswerten Betrieb gehörten wie das subventionierte Kantinenessen. Was nicht sofort verbrannt, zerrissen oder anders „entsorgt“ wurde, vermodert nun zum Kummer engagierter Bibliothekarinnen, die aus Angst um ihren Job nicht zu sprechen wagen, in muffigen Kellerräumen, bis sich ein finanzkräftiger neuer Mieter meldet oder der Gebäudeabriß beginnt. Betroffen sind viele Millionen Bände, betroffen sind (potentielle) Leser, deren Wege zum Buch länger und beschwerlicher geworden sind. Nicht jeder kann sich Bücher leisten. Und wer die im Osten wie Pilze aus der Erde schießenden Videotheken als adäquaten Ersatz empfindet, gehörte früher gewiß nicht zu den enthusiastischen Lesern der Bibliotheken. Da auch Clubs und Kulturhäuser schließen, reduziert sich Freizeit in der Provinz aufs Fernsehen,

Inzwischen spitzt sich die Situation selbst in den großen Städten zu. Siehe Berlin: Nach dem Fall der Mauer verdoppelte sich die Ausleihzahl im Westteil, während die Bibliotheken im Ostteil Berlins zunächst in ein tiefes Loch fielen, nun aber rapide wachsenden Zuspruch finden. Trotzdem. soll das Personal um zehn Prozent reduziert werden. Angesichts der steigenden Mieten bedarf es keiner Prophethie, um das Ende zahlreicher Bezirks bibliotheken, Bücher-Busse und Oberstufenzentren vorauszusagen.

Angelika Griebner