Von Karl-Heinz Büschemann

Die Einweihung seiner neuen Fabrik bei Frankfurt hatte sich der Maschinenbauunternehmer Werner Babel ganz anders vorgestellt. Der Vorstandsvorsitzende und Mehrheitseigentümer der Allgäuer Maho AG wollte bei der feierlichen Inbetriebnahme des Werkes in diesem Herbst eigentlich wieder einmal unterstreichen, wie gut es seiner Firma geht und wie notwendig es sei, weiter zu expandieren. Doch statt dessen mußte Babel vor den versammelten Gästen Unangenehmes vermelden. Die Maho AG war plötzlich in die Verlustzone gerutscht. Die Aufträge gehen derzeit dramatisch zurück. Statt Neueinstellungen kündigte Babel Kurzarbeit an, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es demnächst bei Maho zu Entlassungen kommt.

Was der in der Maschinenbaubranche wegen seiner Erfolge jüngst noch als Paradeunternehmer gefeierte Allgäuer erfahren mußte, betrifft nicht nur sein eigenes Unternehmen. Der gesamte deutsche Maschinenbau steckt zur Zeit in einer tiefen Depression. Noch nie in der Nachkriegszeit ging es der wichtigsten deutschen Industriebranche mit ihren knapp 1,2 Millionen Beschäftigten allein in der alten Bundesrepublik – in den neuen Ländern arbeiten offiziell 390 000 in dieser Branche – so schlecht wie 1991. Erstmals sind jetzt allen Zweigen der Branche gleichermaßen die Geschäfte verhagelt worden. Selbst die lange Jahre als Perlen gefeierten Druckmaschinenbauer können nicht mehr glänzen. Allein einige Randsparten des vielschichtigen Maschinenbaus haben noch Konjunktur: etwa Fabrikanten von Geldschränken und Tresoranlagen.

Ansonsten hat die zentrale Säule der deutschen Wirtschaft, die mit einem Umsatz von 215 Milliarden Mark im vergangenen Jahr mit den Automobilherstellern um Platz eins der heimischen Industrie rangelt, an Standfestigkeit verloren. Der Auftragseingang liegt in diesem Jahr real um etwa zehn Prozent unter dem des Vorjahres. Die Orders aus dem Ausland gingen sogar um real achtzehn Prozent zurück. Viele der über 5000 bundesdeutschen Maschinenbauunternehmen schreiben rote Zahlen oder müssen die Dividende ausfallen lassen. Entlassungen sind in der lange von der Konjunktur verwöhnten Branche an der Tagesordnung. Zur Zeit arbeiten schon fast 70 000 Maschinenbauer kurz. Viele Firmen dieser mittelständisch strukturierten Branche, in der neunzig Prozent der Betriebe weniger als 300 Beschäftigte haben, stehen zum Verkauf oder wurden bereits versilbert, weil die alten Eigentümer die Verluste nicht mehr tragen konnten.

Dieser tiefe Einbruch scheint die Manager auf den Chefetagen überrascht zu haben. Noch vor einem Jahr hatte sich niemand von ihnen auch nur vorstellen können, daß es mit den Geschäften schon so bald bergab gehen könnte. Vor zwölf Monaten noch hieß es über die Stimmung der Maschinenbauer: „Günstige Situation wie seit langem nicht mehr“. Oder es war zu lesen: „Maschinenbau mit Schwung in die neunziger Jahre“.

Der ist nun dahin. Und weil die Maschinenbauer als konjunkturelle Frühwarner gelten, breitet sich allgemeine Sorge aus. Geht die Investitionslust der Unternehmer zurück, so spüren das zuerst die Lieferanten von Produktionsanlagen. Nach drei Jahren der Prosperität mit einem Wachstum von zwanzig Prozent brachte das Jahr 1991 die Wende, weil seit Mai urplötzlich die Aufträge aus dem Inland ausbleiben. Aus dem Ausland kommen schon seit dem vergangenen Jahr deutlich weniger Bestellungen. Der Grund: In den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich ließ die Konjunktur nach. Noch schlimmer kam es in den östlichen Nachbarländern. Vor allem die Sowjetunion fiel als Kunde völlig aus.

Genau diese Entwicklung nehmen die Vertreter des Maschinenbaus als Beleg dafür, daß es sich um einen normalen Konjunkturabschwung handelt, wie ihn die Branche in den zurückliegenden dreißig Jahren schon siebenmal erlebt hat. Daß es sich um eine Krise handeln könnte, die auch strukturelle Ursachen hat, weisen sie aufgeregt von sich: „Das Wort Krise trifft nicht zu. Die Branche ist in einer Konjunkturflaute“, betont Hans-Jürgen Zechlin, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA).