Von Joachim Fritz-Vannahme und Ludwig Siegele

ZEIT: Herr Strauss-Kahn, Sie sind französischer Industrieminister. In Deutschland ist dieser Posten undenkbar. Wie würden Sie einem Deutschen Ihre Aufgabe erklären?

Strauss-Kahn: Schauen Sie, wenn sich die Industrieminister in Brüssel treffen, dann sitzt auch ein deutscher Kollege am Tisch. Das ist im Augenblick Jürgen Möllemann oder einer seiner Staatssekretäre.

ZEIT: In jüngster Zeit spielen Sie Ihre Rolle offenbar auch im Namen der Gemeinschaft. Warum liegt Ihnen so sehr an einer europäischen Industriepolitik?

Strauss-Kahn: In den Römischen Verträgen von 1957 fehlt jeder Hinweis auf die Industrie. Das ist vermutlich ein Grund für die relative Schwäche unserer europäischen Industrie gegenüber der japanischen oder amerikanischen. Ich bin überzeugt, daß wir in Europa eine Industriepolitik brauchen, wenn unsere Unternehmen in zehn oder fünfzehn Jahren ihre Stellung halten sollen. Ohne europäische Industrie gibt es überhaupt kein Europa.

ZEIT: Warum wollen Sie denn beim Maastrichter EG-Gipfel das Thema Industriepolitik in die Verträge schreiben? Reicht Ihnen der bisherige Text über den Wettbewerb nicht aus?

Strauss-Kahn: Dieser Text ist sicher nützlich. Aber auch der EG-Kommissar, der für Industrie zuständig ist, heute also Martin Bangemann, hätte gern eine Rechtsgrundlage. Selbst wenn der Text, der in Maastricht vorgelegt wird, nicht sehr detailliert ist, wird seine Verabschiedung Symbolcharakter haben.