In diesem Prachtband findet der Leser neunzehn Lebensläufe der führenden mittelalterlichen Universitäten Europas mit allem, was nach akademischem Usus zu einem ansehnlichen Curriculum vitae dazugehört: Geburtsdatum (soweit bekannt und von Legenden freizulegen), Eltern (kommunale oder fürstliche Gründer), Qualifikationen (die Leuchten der Lehre) und Domizil. Die Werdegänge bestechen aber vor allem durch die Abbildungen, die ihnen in überwältigendem Maße beigefügt sind: Angstschweiß der Prüfungssäle, Leichengeruch der Anatomieräume, das Kratzen der Federn in den Händen mitschreibender Scholaren, das alles gehört zur sinnlichen Totale, die sich dem Leser mitteilt und ihm gestattet, sich ein Bild von den Bildungsstätten zu machen. Wissensvermittlung kann sich in einen spektakulären Rahmen einfügen, auf einer Bühne spielen, die das Studium zum erhabenen Schauspiel macht: Nicht umsonst sind die Schauflächen, auf denen Körper seziert werden, als Theaterräume gestaltet.

Den Curricula vorangestellt sind zwei Einführungen zu Organisationsstruktur und Lehrkörper, die bei aller Gedrängtheit überzeugend die Diskontinuitäten zwischen mittelalterlicher und moderner Universität herausarbeiten. Die neunzehn Vorstellungstexte selbst sind von unterschiedlicher Aussagekraft, wobei die mediterranen Universitäten dem überwiegend italienischen Autorenteam eindeutig näherliegen als die borealen Bildungsstätten Kopenhagen und Uppsala. Alle Entwicklungs Abrisse enden buchstäblich mit der Silvesternacht des Jahres 1500, mit der die Herausgeber das Mittelalter offenbar für beendet halten; zu diesem Zeitpunkt aber saugt manche frisch gegründete Alma mater selbst noch Muttermilch.

Wer wissen will, wie es mit den noch in den Kinderschuhen steckenden Universitäten weiter- beziehungsweise erst richtig losging, ist auf die Illustrationen und ihre sehr kursorischen Begleittexte angewiesen, denen die das Mittelalter ausläutende Glocke nicht schlug. Auf diese Weise aber schweben Isaac Newton im Gehäuse und Carl von Linne in Prachtmontur wie gute, aber auch etwas luftige Geister über ihren Wirkungsstätten Cambridge und Uppsala. Und auch Beckmesser, zu allen Zeiten unausrottbare Hochschulbewohner, kommen reichlich auf ihre Kosten: Ludovico Gonzaga war nicht Graf, sondern Markgraf von Mantuä, in Bologna regierten nicht päpstliche Statthalter, sondern Legaten, et cetera.

Davon unbenommen aber nimmt der Leser aus diesem großartig ausgestatteten Band eine Erkenntnis mit, die zwar aktuell, aber nicht neu, im Gegenteil schon den Theologen des späten Mittelalters vertraut ist: daß das Gefäß nämlich den Inhalt adelt. Vielleicht hätte man diese Wahrheit beim Bau von Beton Bildungsburgen auf der grünen Wiese in unseren Tagen doch beherzigen sollen. Volker Reinhardt Die europäischen Stätten des Wissens.

Bilder — Texte — Dokumente; Südwest Verlag, München 1991; 240 S, 250 farbige und 1QO schwarzweiße Abb, 148 - DM