Es ist trübe Routine geworden: Herr oder Frau X, behauptet jemand, sei Zuträger des MfS gewesen, „der auch“. Der Betreffende streitet es empört und mit treuestem Augenaufschlag ab. Dann tauchen Nummern auf, Decknamen, Exzerpte aus Akten, ganze Akten, die aber schon niemand-mehr sehen will. Denn der Betreffende hat noch eine Weile gezappelt, dann hat er sich geschlagen gegeben, seine Ämter geräumt.

Eine Routinesache mittlerweile; aber kaum jemand ist so abgebrüht, daß sie ihn kalt ließe. Die Wahrheiten über die Firma kommen in drei Schockwellen über die Bevölkerung Ostdeutschlands. Die erste, bald nach der Wende, war noch eine quasi politische Erkenntnis: daß das haupt- und nebenberufliche Schnüfflerwesen sehr viel ausgedehnter war, als die meisten es selbst in ihren bösesten Träumen befürchtet hatten; daß der Apparat zur gegenseitigen Überwachung wahre Fantasy-Dimensionen hatte; daß der Staat, der alles wissen will, am Ende gar nichts mehr weiß.

Die zweite Schockwelle ist eine quasi psychologische. Die dritte wird dann eine konkrete, quasi bezugsgruppeninterne sein: wenn nämlich all die Opfer ihre Akten einsehen und darin feststellen, was einige ihrer Nächsten der Stasi über sie offenbart haben – dann gibt es Zoff, dann gibt es ein Hauen und Stechen, dann entstehen Todfeindschatten.

Jetzt aber ist die Zeit des zweiten Stasi-Schocks, der der tiefste, allgemeinste sein wird.

In dem Stück „Villa Jugend“, an dem der Ostberliner Dramaturg und Autor Georg Seidel bis zu seinem Tod im Juni 1990 arbeitete, sind alle Figuren Wracks des Realsozialismus (und ihre verkorksten Kinder): ausgebrannte, erstarrte Menschen, die ihre revolutionären Träume längst zu Grabe getragen haben, auch wenn sie automatisch weiter in deren Namen agieren – Menschen, um viele tote Hoffnungen reicher.

Seine Diagnose demonstriert Seidel vor allem an einem Lehrerehepaar. Und als Lehrer stellten sich die meisten vor, die in Dresden nach der Aufführung im Foyer blieben, um über das Stück zu diskutieren. Aber was sie aufregte, war weniger, was das Stück zur Vergangenheit ihres Berufsstands zu sagen hatte. Es war vielmehr ein einziger kleiner Satz, der gegen Schluß des Stücks ganz nebenher gesagt wird, ein Satz über die Lehrerin, die als einzige einigermaßen integer, fast sympathisch aus dem Fiasko hervorgegangen zu sein scheint, und die Beschuldigung, die er enthält, könnte auch falsch sein, ein kleiner boshafter, risikoloser Rufmord im Bekanntenkreis. Er lautet: Sie hat uns die ganze Zeit bespitzelt.

Ja, haben wir richtig gehört? Kann das denn überhaupt sein? War sie nicht die einzige halbwegs positive Figur? Muß bei uns auch noch das letzte in den Dreck gezogen werden?