Schon im ersten Satz des Vorworts, verfaßt von unserem engagiertesten Brückenbauer Fritz Leonhardt in Stuttgart, steckt so etwas wie die Quintessenz des Themas: "Brücken — kaum ein anderer Gegenstand des Bauwesens ist so eng mit allen Bereichen menschlichen Lebens und Schaffens verwoben" — Ausrufungszeichen! Das Brückenbauen ist ja tatsächlich, anders als das Häuser- oder Türmebauen, jedermanns Sache; schwer, einen Gegenstand zu finden, der die gleiche Faszination als Ding ebenso wie als Metapher hätte: Brücken, die man über reißende Flüsse, breite Straßen, wilde Schluchten baut — und Brücken, die man von Herz zu Herz, Land zu Land oder mit der Seele in den Himmel schlägt. Was Wunder also, daß Brücken neuerlich zum Thema eines Buches geworden sind, nun aber eines, das sich an — nicht unbedingt nur junge — Leute wendet, die wißbegierig sind und auf möglichst einleuchtende Weise möglichst alles darüber erfahren wollen. Sein Verfasser Rainer Köthe, ein angesehener Wissenschaftsjournalist, baut auf sachliche Sprache. Nicht auf blumige Wendungen kommt es ihm an, sondern auf die eindeutige Darstellung. Leidenschaft wecken die Beispiele, und an denen ist wahrlich kein Mangel, im Gegenteil. Das Buch wird schon im tastenden ersten Kapitel über "Brücke und Mensch" schnell konkret und lehrt auf Seite acht gleich (und: spielerisch) das Einmaleins des Brückenbaus. Aus einer dieser erstaunlich gelungenen, nämlich klaren und aufschlußreichen Zeichnungen, erfährt man, was Balken, Bogen- und Hängebrücken voneinander unterscheidet, was es mit den Druck- und Zugkräften auf sich hat, was feste oder bewegliche Auflager, was Widerlager und dergleichen sind und wie das alles funktioniert.

Und dann geht es ab und zurück in die Geschichte und ihre legendären Brückenbaukünste. Staunend verfolgt man, wie der Perserkönig Darius den siebenhundert Meter breiten Bosporus und Cäsar über vierhundert Jahre später den Rhein auf verschiedene, gleichermaßen intelligente Weise überbrückt haben, macht Bekanntschaft mit der ältesten und größten, in Regensburg noch immer existierenden Steinbrücke, lernt Halbkreisund Korbbogenbrücken kennen, begegnet alsbald den gewaltigen Konstruktionen aus Stahl und Beton, die einem beim bloßen Betrachten den Atem nehmen können, und lernt wie nebenbei auch die Superlative, auch die schrecklichen Niederlagen kennen. Der Schock der Katastrophen als Kehrseite des Fortschritts.

In der Tat weist kein Metier der Baukunst so viele Rekorde auf: mit der größten Spannweite, der sparsamsten und filigransten Konstruktion, der elegantesten Form. Und in keinem sind Technik und Ästhetik, Logik und Schönheit dermaßen ineinander verschränkt wie bei den Brücken. Infolgedessen finden sich auch nirgendwo im Bauen so viele Pioniere, so viele Helden — obwohl kaum einer ihre Namen kennt. Wer weiß schon, daß es der kühne, stockseriöse Johann August Roebling war, der vor 120 Jahren die BrooklynBrücke in New York gewagt hat? Wer hat je von dem Betonbaukünstler Ulrich Finsterwalder gehört, und von Maillart? Und wer von Fritz Leonhardt!? Man begreift es umso weniger, je mehr man sich dem Schluß des Buches nähert — und den Rekorden: mit den längsten, größten und höchsten Brücken der Welt.

Wie kommt man von der Brücke auf den Bahnhof? Kein Problem. Erstens haben sich die Bahnhofshallen Architekten die Konstruktionskünste der Brückenbauer zunutze gemacht, um die riesigen Spannweiten über die Gleise zu überdachen, zweitens kann der Eisenbahnverkehr nur funktionieren, weil ihm Brücken gebaut werden. Wer wunderts also, daß die berühmteste Eisenbahnbrücke in beiden Büchern gezeigt wird: die übet den Firth of Forth in Schottland.

"Ein Bahnhof im 19. Jahrhundert" nennt sich das zweite Buch, und das nicht zufällig: Kaum wai die Dampfmaschine erfunden, wurde sie auf die Schienen gesetzt, wurden ihren Passagieren Bahnhöfe gebaut, große, mit Absicht stolze Hallen, mit denen sich nicht zuletzt die Städte, in denen sie errichtet wurden, vor- und darzustellen beliebten. Das Thema verzweigt sich aber auf vielen Gleisen. Man erfährt etwas über die Reisenden im vorigen Jahrhundert, über Signale und Stellwerke, all die Leute, die den Betrieb in Gang halten, über Bahnhofsgaststätten, Lokomotiven, die Ausstattung der Waggons und den Güterverkehr, den beginnenden Massentourismus — und was sich heute mit ausgedienten Bahnhöfen anfangen läßt. Eine bunte Mischung, die auf die Herkunft ihrer Autoren — der Historikerin Fiona Macdonald und dem Zeichner John James — schließen läßt. Sie sind Engländer. Und das bemerkt man leider auch an der Übersetzung, wenn structures einfach mit Strukturen übersetzt werden. Und das Imperfekt gibt vor, als geschah das alles nur im 19. Jahrhundert. Schade auch, daß mancher Pfeil in den Zeichnungen nicht das zeigt, was gemeint ist, und Zahlen manchmal woanders stehen, als sie sollten. Dem pädagogischen Ansinnen der Autoren, das den Text bisweilen etwas bieder erscheinen läßt, ist dies sicherlich nicht dienlich. Die malerischen, lustigen Zeichnungen entschädigen aber für vieles. Brücken Band 91 der Reihe "Was ist Was"; illustriert von Peter Klauke und Frank Kliemt; Tessloff Verlag, Nürnberg 1991; 13 80 H Fiona Macdonald, John James:

Ein Bahnhof im 19. Jahrhundert Tessloff Verlag, Nürnberg 1991; 21