Von Peter Hamm

Mag sein, daß der Tod meines Volkes an mir leuchtet": es ist Michael, ein Schuster, wie Jakob Böhme einer war, und einer der 36 Gerechten, die nach chassidischer Auffassung die Welt tragen, den Nelly Sachs in ihrem Mysterienspiel "Eli" so sprechen läßt. Im Gedicht aber spricht sie von sich selbst: "Deine Angst ist ins Leuchten geraten." Über Nelly Sachs zu sprechen – Nelly Sachs zu entsprechen –, das verlangte, über weit mehr als über Nelly Sachs zu sprechen. Nicht so sehr einem individuellen Kunstanspruch wäre zu entsprechen als einem universalen Heils- und Erlösungsanspruch, für den es außerhalb jener ins Leuchten geratenen Sprache der Nelly Sachs aber eine andere, eine adäquate Sprache kaum gibt.

Simone Weil schrieb einmal: "Ein Kunstwerk hat einen Urheber, und dennoch, wenn es vollkommen ist, eignet ihm etwas wesenhaft Anonymes; es ahmt die Anonymität der göttlichen Kunst nach." Nelly Sachs hat an die vielbeschworene Autonomie des Künstlers keinen Augenblick lang geglaubt, sie sah sich nie als souveräne Erfinderin, sondern als Werkzeug, als folgsame Übersetzerin aus jenem vorgegebenen Urtext, aus dem zu übersetzen jedem von uns aufgetragen ist. Sie hat ihr dichterisches Übersetzungswerk dabei bis zu dem Grad der Vollkommenheit – und das bedeutet: der vollkommenen Selbstaufgabe – getrieben, an dem es tatsächlich etwas von jenem Leuchten der göttlichen Anonymität annehmen konnte.

Eine Dichterin zu vergegenwärtigen, die solcherart nahezu abwesend ist in ihrem Werk, wie macht man das? Müßte nicht einzig dieses Werk für sie sprechen? Oder darf für einmal auch nach jenem viel zu zarten, viel zu zerbrechlichen Wesen gefragt werden, das die schwere, viel zu schwere Aufgabe auf sich nahm, dieses Werk zu vollbringen?

Es sind zunächst zwei Photographien, die mir wie die Silhouette einer Nelly-Sachs-Biographie erscheinen wollen. Die eine, im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Berlin aufgenommen, zeigt ein auffallend schönes junges Mädchen mit dunklem Haar und hellem Strohhut, weißer Spitzenbluse, hellem Faltenrock und schwarzem Lackgürtel, einer Blume in der rechten Hand und die dunklen, ausdrucksvollen Augen innig, fast schwärmerisch dem Photographen zugewandt. Solche Photoatelier-Portraits waren einmal bestimmt für den künftigen Bräutigam.

Die andere Photographie, im sechsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in Stockholm aufgenommen, zeigt eine zierliche Greisin ganz in Schwarz, die lächelnd zu einem älteren Herrn aufblickt, der seinerseits diesen Blick liebevoll erwidert und dabei mit seiner rechten Hand zart ihre linke Wange berührt, während seine Linke ihr schmales rechtes Armgelenk fest umschlossen hält. Nein, es handelt sich nicht um den Schnappschuß von einer goldenen Hochzeit, Fräulein Sachs hat niemals geheiratet, aber soeben und genau an ihrem 75. Geburtstag, nämlich dem 10. Dezember 1966, hat Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur erhalten, zusammen mit dem hebräischen Schriftsteller Joseph Agnon, und dieser ist es auf unserer Photographie, der ihr zu beidem gratuliert.

Zwischen den beiden Bildern liegen Welten, untergegangene Welten. Zwischen beiden Bildern liegt der Untergang der deutschen und nicht nur der deutschen Judenheit. Und zwischen beiden Bildern liegt auch der Untergang – zumindest der moralische Untergang – des deutschen Bildungsbürgertums, das kein Bollwerk bildete gegen die Barbarei, sondern diese eher bestärkte. Den Nobelpreis erhielt Nelly Sachs ausdrücklich als jüdische Dichterin. Was sie aber einmal hatte sein wollen, das war eine deutsche Dichterin.