Hubert Fichte. 1935 geboren. Unehelich. Halbjude und schwul, wie er betonte. In Hamburg sah ich ihn einmal auf der Straße, flüchtig, nahe der Alster, am "Atlantic". Die Begegnungen mit seinen Arbeiten waren ebenso zufällig: hier ein Bericht über afroamerikanische Religionen und Riten, da eine Auseinandersetzung mit dem poetischen Werk des homosexuellen Grafen von Platen — "I cant get no satisfaction". Auch seine Romane blieben mir fremd — trotz der Ahnung, daß die Distanz wieder einmal nur Angst sein könnte vor Nähe. Als Hubert Fichte 1986 stirbt, hinterläßt er eine unvollendet gebliebene Geschichte der Empfindlichkeit.

Ein Anfang "Er zerschnitt ihre Photos. Irma ließ ihn Mit diesen beiden Sätzen beginnt der Roman "Hotel Garni", der im Herbst 1987 die ursprünglich auf neunzehn Bände projektierte "Geschichte der Empfindlichkeit" einleitet. Vier Jahre später liegen dreizehn Titel vor, Romane, Hörspiele, Glossen, Polemiken und Studien zum religiösen Verhalten in Südamerika, vier weitere Bände werden im Editionsplan noch angekündigt. Doch schon jetzt sind Möglichkeiten und Grenzen des auch auf Grenzüberschreitung angelegten ehrgeizigen Projekts deutlich zu erkennen. Aufregende und aufschlußreiche Verbindungen zwischen den einzelnen Arbeiten werden überschattet von ermüdenden Doppelungen. Zusammenhänge und Brüche werden sichtbar, ohne daß die Schnittstellen immer auch die Schichten hinter den Geschichten freilegen könnten. Möglich wird manchmal nur der Blick auf unbearbeitet wirkendes Material, das noch geformt werden müßte — von einem Schriftsteller wie Hubert Fichte, der in seinen Romanen das Stilmittel der Verknappung meisterhaft beherrscht und radikalisiert hat. Zum Beispiel in dem zuletzt veröffentlichten Roman der "Geschichte der Empfindlichkeit", "Die Geschichte der Nana". Sprache wird hier wieder aufs äußerste reduziert; viele Passagen lesen sich, als buchstabiere einer seine Welt. Zeile für Zeile stehen einzelne Sätze untereinander. Dabei wird das Außen so genau beschrieben, daß darin die Innenwelt der Figuren ganz selbstverständlich enthalten ist. Geschichten werden zu Bildern, und Bilder lösen Geschichten aus. Sätze sind wie Photos, und wie die Bilder werden auch die Geschichten zerschnitten und neu zusammengesetzt.

"Jäcki wollte die Zerstörung, die Nachkriegszeit, die Angst zerstören, er wollte das Bild seiner Mutter wiederfinden, er wollte es zerstören und schaffen", schreibt Hubert Fichte und konfrontiert die Geschichte seiner Mutter Dora Mascha mit kurzen Reflexionen über die mythische Figur der Nana, der ältesten Göttin der Casa das Minas. "Als Nana trat sie auf, die Urmutter, Schlammutter, Nachtmutter, der genauen Tagesmutter entgegen. Nana der Frösche, mit schwülen Händen. Sie backt die Welt aus Schlamm zusammen. Nana ist der Tod — aber das wußte Jäcki damals noch nicht, so weit war er damals mit seinen Forschungen noch nicht gekommen. Er mußte aus der Stenotypistin ein Kunstwerk zusammentippen Doch Jäckis Mutter wehrt sich gegen solche Versuche "Sie sagte, sie wollte nicht wieder in einem Roman verarbeitet werden", notiert der Sohn. Und er glaubt: "Sie wollte die Anstrengung nicht verstehen, die es bedeutete, alles, was er je für sie empfunden hatte, schonsam einzukleiden in die Figur der Nana, die als feuchte Nachtmutter streichelt, wo Dora Mascha tagsüber Laken aufriß?"

"Die Geschichte der Nana" ist, wie alle Romane der "Geschichte der Empfindlichkeit", einmal mehr auch eine Liebeserklärung und so eine Geschichte der Verletzungen, Sehnsüchte, Verwundungen. Neben dem "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dirs wohlergehe und du lange lebest auf Erden" hat Hubert Fichte seinem Roman auch ein Gedicht von Gottfried Benn vorangestellt: "Ich trage dich wie eine Wunde auf der Stirn, die sich nicht schließt. Sie schmerzt nicht immer und das Herz fließt sich nicht daraus tot. Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre Blut im Munde Der darauffolgende erste Satz des Romans: "Der kreuzförmige Schnitt oben am Scheitel in die kahlrasierte Kopfhaut blutet nicht so Denn der Schnitt wird bei einem Ritual ausgeführt, und das Blut, das auf die Lider tropft, "rinnt aus Opfertieren". Wie er fremde Kulturen, Riten, Kontinente erforscht hat, erforscht Hubert Fichte auch die Geschichte seiner Mutter. Dabei knüpft er ein dichtes Netz der Beziehungen und Verbindungen, bewegt sich in verschiedenen Zeiten und Räumen und geht unter anderem zurück bis ins Jahr 1875, als der Großvater Paul geboren wurde, und 1876, als Ida, die Großmutter, zur Welt kam. Persönliche Geschichte wird Zeitgeschichte, und einfache Sätze spiegeln komplizierte Lebensgeschichten. Nachzuvollziehen sind Lebensentwürfe und Lebensalltag, Bewegungen und Stillstand, Träume und der Abschied von den Träumen "Ida gab das Tanzen auf. Paul konnte nicht tanzen — "Wie war der Anfang?" fragt JäckiFichte immer wieder und hatte immer geglaubt, "daß es auf die ersten Empfindungen ankäme. Die frühen Entblößungen Doch die Mutter verweigert sich seiner bei anderen so erfolgreich angewandten Methode der Befragung und gibt ihm keine Kindheitserzählungen preis. Auch bei den Nachforschungen nach dem Vater stößt er an eine Mauer des Schweigens. Zwei Mal wird von ihm gesprochen: "Als die Mutter sagte, daß er Jude war. Und als die Mutter Jäcki aufklärte. Sie gewöhnten sich alle an, darüber zu schweigen Ein Bild des Vaters wird von der Mutter verbrannt. Einmal hatte sie es dem unehelich geborenen Sohn gezeigt "Im Hintergrund ein unscharfer Mann, der lächelte Sein Name wird ein einziges Mal ausgesprochen "Was mit Schitzky. Ernst oder Erwin "

Mit der "Geschichte der Nana" will der Söhn ein Loblied auf die Mutter schreiben. Er tut es schonungslos und nicht ohne Verzweiflung. Aus semer Erinnerung sammelt er die "Materialien zu Doras Theatralischer Sendung" und setzt sie zu einem vielschichtigen Bild zusammen. Nachzuvollziehen ist ein Frauenleben im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland, dargestellt am Beispiel der Dora M, einer ledigen Mutter, die unter anderem als Schauspielerin zu überleben suchte "Dora Mascha schritt im Altonaer Stadttheater hinter Penthesilea her Jäcki Fichte will seine Mutter "schön, repräsentativ — eine interessante Persönlichkeit in rostrotem Mantel", und schönt doch nicht ihr Bild. Scheinbar distanziert beschreibt er zum Beispiel ein Vorsprechen, das ebenso absurd wie schmerzhaft wirkt. "In einem Korridor des Besenbinderhofes sprach die Mutter Lotte Brackebusch das Land der Griechen mit der Seele suchend vor. Lotte Brackebusch fand es stimmlich etwas dünn. Sie riet eher zur komischen Alten. Dora Mascha erwiderte nichts Sie begriff, daß sie mit vierzig nie mehr das Käthchen yon Heilbronn geben konnte. Sie lernte Kleist auswendig. Den zerbrochenen Krug Die großen Träume sind vorerst ausgeträumt "Die Mutter entschloß sich, Souffleuse zu werden "

Schauspielerin, Souffleuse, Stenotypistin. Dora Maschas Gegenwelt ist die Welt Rudolf Steiners. Die Anthroposophie. Dornach. Das Goetheanum. Die Vorträge des bewunderten "Dr s" "Sie aquarellierte, plastizierte, eurythmisierte, sprachgestaltete Ihre "geisteswissenschaftlichen Ambitionen" werden vom Sohn mit Skepsis und Ironie betrachtet "Jeder Kuß war karmisch vorbestimmt " "Dora Mascha nahm ihre Geschichte nicht so wichtig. Sie wollte Jäckis Welt nicht verstellen mit ihrer Vergangenheit, die sie als verpfuscht auffaßte", schreibt Hubert Fichte und kämpft in den Auseinandersetzungen mit ihr auch darum, sie zum Sprechen zu bewegen — ganz einfach über sich. Einmal gelingt es ihm. Da erzählt sie von ihrem Alltag, dem Alltag einer alleinlebenden alten Frau, ihrer Isolation "Manchmal rede ich tagelang mit niemandem. Ich gehe zur Post oder bis zur Kirche. Und zu dem kleinen Park mit den Steinfiguren. Vielleicht lächelt mich ein Kind an, und wenn es viel war, habe ich einem Hund gut zugeredet Doch die Träume sind noch nicht ausgeträumt "Die Iphigenie. Das darf ich doch?! Ich möchte noch einmal die Iphigenie gestalten! Sie holte aus "

Die Bilder. Die Worte. Die "Geschichte der Empfindlichkeit" ist auch eine Geschichte der Bilder und spürt den in ihnen enthaltenen Geschichten nach, zitiert Photos aus dem Familienalbum und die Bilder von Leichenbergen aus den Konzentrationslagern, die nach dem Einmarsch der Alliierten von der Großmutter im Mülleimer versteckt werden "Der Junge darf das nicht sehen!" Doch Jäcki lassen die Bilder nicht los. Er wird sie erinnern und beschreiben. Die versteckten und die vorgezeigten Bilder. Die Aufnahme vom Waisenhaus, das zerstört wurde und von dem es dann nur noch eine Postkarte gab und "die Reproduktionen der Postkarte", oder das Standphoto der Großeltern, aufgenommen bei der Silbernen Hochzeit "Die Haare sind weiß geworden — von Frau Moog etwas in Locken gelegt und gelb gebrannt. Idas Augen haben sich nicht verändert Später dann "die modernen Lichtbilder. Ausdrucksstudien. Paßbilder. Schnappschüsse. Als letztes die Photos, die Irma gemacht hat "