Mit drohend erhobener Spitzhacke zeichnen die Karikaturisten Francesco Cossiga, seit er als Italiens Staatsoberhaupt verkündet hat, er wolle dem verrotteten politischen System des Landes Schläge versetzen. Nicht, um es zu zerschlagen, sondern um wie Michelangelo zu wirken: „Ausmeißeln heißt, etwas wegnehmen.“

Freilich, statt eines politischen Kunstwerks kommen bisher nur Bruchstellen zum Vorschein, wenn der Präsident fast Tag für Tag vor versammeltem Radio- und Fernsehvolk sarkastisch polternd auftritt. Nun scheint er auch noch eine Verfassungskrise heraufzubeschwören.

Ob man ein Haus einreißen dürfe, ehe man wisse, wie das neue aussehen soll, fragte besorgt Ministerpräsident Andreotti, als Cossiga zu einem ganz besonderen Schlag ausholte – diesmal gegen sich selbst. Bisher hatte er sich nur mit den Parteien, auch der seiner einstigen christdemokratischen Freunde, angelegt und hatte gegen Vetternwirtschaft, mafiose Praktiken und richterliche Befangenheiten gewettert. Sein Konflikt mit dem „Obersten Richterrat“, dessen Vorsitzender er selbst ist, konnte bei aller Theatralik noch mit dem professionellen Eifer erklärt werden, den der 64jährige Sarde sich aus den Jahren seiner Professur für Verfassungsrecht bewahrt hat. Jetzt aber zeigte er sich selber bei der römischen Staatsanwaltschaft wegen Verfassungsbruch an, ja wegen Verschwörung gegen den Staat.

Der Hintergrund ist so schillernd wie vieles auf der italienischen Politbühne, auf der sich Cossiga nicht länger mit der Rolle des höchsten, aber stummen Statisten begnügen will. Als ehemaliger Innen- und Vizeverteidigungsminister kannte er das Geheimnis von Gladio, jener mit der Nato verknüpften, ihr aber nicht unterstellten militärischen Organisation. Diese bereitete nicht nur für den Fall einer sowjetischen Invasion Untergrund- und Subversionstrukturen vor, sondern auch – so scheint es – gegen eine damals nicht unmögliche Machtergreifung der italienischen Kommunisten nach freien Wahlen. Oder verbarg der Geheimdienst ebendiesen fragwürdigen innenpolitischen Zweck den Politikern, und so auch Cossiga?

Den Untersuchungsrichter, der dem Verdacht nachgeht, nannte Cossiga öffentlich ragazzaccio – einen bösen Buben. Und noch mehr erzürnte es den Präsidenten, als der Parteichef der PDS, der ehemals kommunistischen Linksdemokraten, Achille Occhetto, die Gelegenheit nutzte, um sich vor seinen immer mehr frustrierten Anhängern als Verfassungsschützer zu profilieren. Es bilde sich „eine antiliberale Internationale“, ein „Vorzimmer zum Faschismus“, unkt Occhetto und ruft nach einer „neuen Widerstandsbewegung“ .

Ihre Zielscheibe ist vorerst Cossiga, den die Exkommunisten – als scheinbar noch zweitstärkste Partei – gerne vom Parlament absetzen ließen. Hat sie der Präsident nun durch seine Selbstanzeige überspielt?

Nicht das Parlament, sondern ein Ministertribunal wird, wenn überhaupt, das Staatsoberhaupt zu richten haben. Oder wird Cossiga, dessen Amtszeit in sieben Monaten abläuft, vorzeitig zurücktreten? In der vergangenen Woche erweckte er genau eineinhalb Stunden lang diesen Eindruck, dann aber stürzte er sich doch wieder in den Streit mit den Richtern, die zu seinem Entsetzen am 3. Dezember im ganzen Land streikten, und mit den 51 Verfassungsrechtsprofessoren, die ihm in einem offenen Brief ein ganzes Sündenregister „unmöglichen“ Redens und Verhaltens vorhielten.

Cossiga weiß, daß die meisten Italiener wie er der Zustände überdrüssig sind. Siebenundfünfzig Prozent halten die Parteien für reformunfähig. Deren wahrscheinliche Flucht in vorzeitige Wahlen schon nächstes Frühjahr wird die entsprechende Quittung nicht verhindern. Populisten wie die der lombardischen „Lega“ sind im Vormarsch. Oder gibt es auch autoritäre Versuchungen? „Ich bin kein Bonaparte und kein Pinochet“, beruhigt Cossiga. Mit einer Spur Erleichterung ... Hansjakob Stehle (Rom)