Von Marleen Stoessel

Der revolutionäre Geist ist insofern sehr bequem, als er uns, was Ideen angeht, von allen Skrupeln freimacht. Sein harter, absoluter Optimismus ist mir widerwärtig, weil er als Drohung Fanatismus und Unduldsamkeit enthält. Joseph Conrad, 1912

Aus der Tatsache, daß sich die Menschen vom Kommunismus abgewendet haben, folgt nicht zwangsläufig, daß dessen Gegenteil von vornherein gut wäre. Zu vergessen, daß der kämpferischste Antikommunismus der Faschismus gewesen ist, wäre ein Fehler.

György Konrdd, 1991

Gegenwärtig erleben wir das Abdanken marxistischer Ideologie und kommunistischer Systeme; seit geraumer Zeit schon das Anwachsen mystizistischer Strömungen und Moden, die Verbreitung von religiösem Fanatismus und apokalyptischer Endzeitstimmung; eine neue, in ihren Folgen noch unabsehbare Welle von Rechtsextremismus und Ausländerhaß bricht über uns herein – kurzum: Irrationalismen jeglicher Art breiten sich angesichts der realen Bedrohung unserer Welt und Umwelt ungehemmt aus. Die alte intellektuelle „Linke“, wie facettenreich ihr Profil auch immer gewesen sein mag, führt nurmehr ein Schrumpfdasein, der Name von Marx dürfte demnächst in Verruf geraten sein.

Das Staunen über das, was in diesem Jahrhundert noch möglich sei – so stellte Walter Benjamin angesichts der heraufziehenden Nazi-Ära einmal fest –, sei kein philosophisches mehr. Die Melancholie dieser Einsicht trifft bis heute. Denn das Staunen über das Zusammenbrechen osteuropäischer Diktaturen ist, zumindest nach der ersten Überraschung, ein falsches. Führt es doch nur zu re-aktionärem Umschlagen der Haltung, zur bloßen Verkehrung von Vorzeichen, zur Revision zumal auch richtiger und kritischer Einsichten. Die historische Richtigkeit und Wichtigkeit der Marxschen Wert-Analyse ist noch nicht dadurch widerlegt, daß kommunistische Systeme ihren wirtschaftlichen und moralisch-ideologischen Bankrott erleben. Der Golfkrieg mit all seiner deutschen und westlichen Kriegs- und Waffenhilfe, noch die Eigendynamik seiner Folgen, sind Beweis genug.

Ohne die Marxsche Analyse wären die kulturkritischen Ansätze der Frankfurter Schule, zumal deren Faschismus-Analyse, bis hin zu Benjamin nicht denkbar. Dessen „Janushäuptigkeit“ ist hinlänglich bekannt; sie wurde von Benjamins bestem Freund, dem Kabbala-Forscher Gershom Scholem, wohl am eindrucksvollsten beschrieben.