Von Tina Stadlmayer

Tokio, im Dezember

Als Schutzschild für deine Geliebten bist du in den fremden Ozean gefallen – Vater, schlafe in Frieden.“ Der 53jährige japanische Sänger Hidekatsu Tojo hat sein Lied den Toten des Pazifischen Krieges gewidmet. Sein Großvater, General Hideki Tojo (die „Rasierklinge“), war von 1941 bis 1944, also vom Angriff auf Pearl Harbor bis ein Jahr vor Kriegsende, japanischer Regierungschef. 1948 wurde er von den Alliierten „der Planung, Auslösung und Durchführung eines Aggressionskrieges“ für schuldig befunden und hingerichtet. Fünfzig Jahre nach Pearl Harbor erweist sich der Song seines Enkels als Flop auf dem japanischen Plattenmarkt. Den Militaristen ist er zu friedlich, den Friedensaktivisten ist er zu schnulzig – und die meisten Japaner wollen sowieso vom Krieg und von Pearl Harbor nichts wissen.

Japanische Historiker und Politiker interessiert allerdings in diesen Wochen die Frage: Soll sich Japan für den Angriff auf Pearl Harbor entschuldigen? Hochrangige Politiker, wie der neue Regierungschef Kiichi Miyazawa, halten sich aus der Diskussion heraus. Sie wollen vor dem auf Anfang Januar verschobenen Besuch des amerikanischen Präsidenten keine antiamerikanische Stimmung schüren. In einer Parlamentsdebatte gab der japanische Außenminister immerhin einen „Fehler der damaligen Regierung“ zu. Allerdings handelte es sich nur um eine Schlamperei: Die negative Antwort auf ein Ultimatum der Amerikaner (die Japaner verstanden sie als Kriegserklärung) wurde in Washington erst nach dem Beginn des Angriffs auf Pearl Harbor übergeben. Angeblich fand sich in der japanischen Botschaft niemand, der den englischen Text tippen konnte. So etwas werde nie wieder vorkommen, „weil Japan nie wieder einen Krieg erklären wird“, versprach der Außenminister.

Während sich die erste Garde in den vergangenen Wochen mit Erklärungen zurückhielt, nahm der stellvertretende Kabinettssekretär Nobuo Ishihara kein Blatt vor den Mund: Japan müsse sich nicht für Pearl Harbor entschuldigen, denn es sei nicht alleine für den Ausbruch des Krieges verantwortlich. Dies war seine Antwort auf den Vorschlag des Bürgermeisters von Honolulu, Vertreter Japans sollten sich bei den Gedenkfeiern zum Pearl-Harbor-Jahrestag in Hawaii entschuldigen. So wie Ishihara denken viele Japaner. Der ehemalige Schiffsfunker Koji Makino, heute 74 Jahre alt, sagt zum Beispiel: „Wenn wir uns für Pearl Harbor entschuldigen, dann müssen sich die Amerikaner für Hiroshima und Nagasaki entschuldigen.“ Seiner Meinung nach hätten die Amerikaner auf den Angriff vorbereitet sein müssen. Dieser Ansicht ist auch der amerikanische Autor John Toland. Der Fernsehkanal NTV plant für den 7. Dezember eine Sendung, in der er – Balsam für die japanische Seele – ebendiese Theorie belegen will.

Es gibt jedoch auch in Japan ganz andere Ansichten zu diesem Thema. Eine Gruppe von 82 „fortschrittlichen Professoren“ fordert die Regierung auf, Japans Verantwortung für den Krieg offiziell anzuerkennen“. Das Land habe den Krieg nicht erst mit dem Angriff auf Pearl Harbor, sondern bereits zehn Jahre vorher beim Einmarsch in die Mandschurei begonnen. Jetzt müsse es sich bei den Opfern entschuldigen und Entschädigungen zahlen. Für den 7. Dezember haben die Professoren ein Bürgertreffen organisiert, auf dem Kriegsveteranen über ihre Schuld erzählen werden. Nicht nur Pearl Harbor, sondern auch die grausamen Überfälle der kaiserlichen Armee auf China, Malaysia, Indonesien, die Philippinen und andere südostasiatische Länder stehen auf dem Programm. Die japanischen „Veteranen für den Frieden“ wollten ihre Entschuldigung bereits vor einigen Monaten bei einer Gedenkfeier in den Vereinigten Staaten vortragen, doch die „Vereinigung der Überlebenden von Pearl Harbor“ verhinderte die symbolische Aktion. Ihr Argument: „Auch die Juden laden keine Nazis zu ihren Gedenkfeiern ein.“

Die japanische Art der Selbstbezichtigung ist für Europäer und Amerikaner etwas Ungewohntes. Der 74 Jahre alte Iyozo Fujita, ein kahlköpfiger, greiser Mann mit buschigen Augenbrauen, war als Flieger beim Angriff auf Pearl Harbor dabeigewesen. Vor fünf Jahren kehrte er zum ersten Mal nach Hawaii zurück, um Blumen am Denkmal für die gefallenen amerikanischen Soldaten niederzulegen. Heute, so beteuert er, „sind alle Amerikaner meine Freunde“.