Eine der dauerhafteren Folgen des Nazismus ist die Verkitschung des Hakenkreuzes. Keine geringe Leistung, denn das Zeichen sitzt tief im menschlichen Bewußtsein. So tief, daß der Atlantik im Vergleich dazu seicht ist: Die Swastika sieht bei Kelten und Azteken ungefähr gleich aus.

Man kann die Dinge mindestens auf zwei Weisen ansehen: beobachtend und lesend. Beobachtet man die Dinge, dann sieht man sie als Phänomene. Im Fall des Hakenkreuzes zum Beispiel sieht man dann zwei einander kreuzende Balken, und an den Balkenenden sieht man Haken. Liest man die Dinge, dann setzt man voraus, daß sie etwas bedeuten, und versucht, diese Bedeutung zu entziffern. (Solange man die Welt als ein Buch ansah, natura libellum, und solange man sie zu entziffern versuchte, solange war eine voraussetzungslose Naturwissenschaft unmöglich. Und seit man die Welt beobachtet, statt sie zu lesen, ist sie bedeutungslos geworden.) Geht man nun an das Hakenkreuz lesend heran, dann sieht man vier von einer Nabe ausstrahlende Speichen, die sich im Sinn der Haken drehn, und die Haken beginnen, einen Kreisumfang zu beschreiben. Unter dem lesenden Blick kommt das Zeichen zu Wort, und es sagt: Ich bin das Sonnenrad, und ich strahle.

Hier ist das Motiv zu diesem Aufsatz zu gestehen: Betrachtet man die nachindustrielle Lage, dann ist man vom langsamen, aber unaufhaltbaren Verschwinden der Räder beeindruckt. In den elektronischen Apparaten ticken sie nicht mehr, wer vorwärts kommen will, setzt sich nicht mehr auf Räder, sondern auf Flügel, und wenn einmal die Biotechnik die Mechanik überholt haben wird, dann werden die Maschinen keine Räder mehr, sondern Finger, Beine und Geschlechtsorgane haben. Vielleicht ist das Rad eben dabei, zu einem Kreis und damit zu einer unter vielen ebenbürtigen Kurven zu werden. Bevor so eine Rad-Dekadenz überhandnimmt, scheint es geboten, die tiefe Unbegreiflichkeit des Rades im letzten Augenblick noch (und trotz Verkitschung) aus dem Sonnenradbild zu erlesen.

Das Bild weist aus dem Zeichen ins Bezeichnete, aus der Swastika in die Sonne. Sie ist eine glühende Scheibe, und sie kreist um die Erde. Allerdings ist nur der obere Halbkreis, jener von Aufgang bis Untergang, zu ersehen, und der untere bleibt im dunklen Geheimnis. Dieses ewige und sich in allen seinen Phasen ewig wiederholende Kreisen ist völlig anti-organisch. Im Reich des Lebenden gibt es keine Räder, und nur Steine und abgeschlagene Baumstämme rollen. Und das Leben ist ein Prozeß: Es beschreibt eine Strecke von Geburt zum Tod, es ist ein Werden zum Vergehen. Aber das Sonnenrad widerspricht auch dem Tod und nicht nur dem Leben: Es biegt den Untergang geheimnisvoll zurück in den Aufgang. Das Sonnenrad überwindet Leben und Tod, und die ganze Welt ist unter diesem Rad zu sehen, denn dieses Rad erst macht sie ersichtlich. Und sieht man sie so, dann sieht sie so aus:

Sie ist eine Szene, in welcher sich Menschen und Dinge zueinander verhalten, das heißt ihre Stellung wechselseitig ändern. Das Sonnenrad, die kreisende Zeit, setzt alles und jedes wieder zurück an seine ihm gebührende Stelle. Jede Bewegung ist ein Verbrechen, das Menschen und Dinge aneinander und an der ewigen kreisenden Ordnung begehen, und die Zeit kreist, um die Verbrechen zu sühnen, uns Menschen und Dinge wieder an die ihnen gebührende Stelle zu setzen. Daher ist kein wesentlicher Unterschied zwischen Menschen und Dingen: Beide sind vom Verlangen beseelt, Unordnung zu stiften, und beide werden für ihr Vergehen von der Zeit und mit der Zeit gerichtet. Alles auf der Welt ist beseelt, denn es bewegt sich, und es muß ein Motiv haben, um sich zu bewegen. Und die Zeit ist Richter und Henker: Sie kreist in der Welt, stellt alles richtig und rädert alles. In dieser Stimmung der Schuld und Sühne und der ewigen Wiederkehr, also unter dem Zeichen des Sonnenrads, hat die Menschheit die meiste Zeit ihres Daseins auf Erden gefristet.

Es hat immer Menschen gegeben, die versuchten, sich gegen das kreisende Rad des Schicksals zu empören. Sie erreichten damit nur, das Schicksal noch mehr zu provozieren. Gerade weil Ödipus nicht mit seiner Mutter schlafen wollte, gerade deshalb tat er dies und mußte sich die Augen aus dem Kopf reißen. Das nannten die Griechen „Heroismus“. Die Vorsokratiker wollten das Rad von außen, aus der Transzendenz, überholen. Sie meinten, daß das Rad, um sich drehen zu können, selbst ein Motiv, einen Beweger haben müsse. Dieser von Aristoteles dann etwas ausgearbeitete unbewegte Beweger hinter der Zeit, dieses selbst unmotivierte Motiv, ist aus dem westlichen Gottesbegriff nicht wegzudenken.

Längst vor den Vorsokratikern aber kam es in Mesopotamien zu einem ganz anders gearteten Heroismus. Dort saß der sumerische Priester auf seinem Teil und versuchte, die kreisende Räderwelt zu entziffern. Er sah Geburt, Tod und Wiedergeburt, er sah Schuld und Sühne, er sah Tag und Nacht, Sommer und Winter, Krieg und Frieden, fette und magere Jahre, und er sah, wie all diese Phasen zyklisch ineinandergreifen. Aus diesen Zyklen und Epizyklen konnte der Priester die Zukunft (zum Beispiel astrologisch) lesen, nicht, um sie zu verhüten, sondern um sie zu prophezeien. Und plötzlich kam ihm der unerhörte Gedanke, ein Rad zu bauen, das in Gegenrichtung des Schicksalsrades kreisen könnte. Ein Rad, das, wenn in den Euphrat gestellt, die Gewässer umdrehen können könnte, so daß sie, statt ins Meer, in Kanäle fließen würden. Das ist, von hier und jetzt gesagt, ein technischer Gedanke. Aber damals und dort war es ein nicht mehr nachvollziehbarer Durchbruch. Die Erfindung des Rads hat den magischen Kreis der Vorgeschichte durchbrochen, sie hat das Schicksal gebrochen. Sie hat einer neuen Zeitform, der Geschichte, das Feld aufgebrochen. Wenn irgend etwas, dann verdient die Erfindung des Wasserrads den Namen Katastrophe.