In den Jahren 1477 bis 1479 benutzten die zwischen Lissabon und Guinea verkehrenden Schiffe einen geheimgehaltenen Umweg auf hoher See, um den spanischen Kaperschiffen zu entgehen. Die Route zwang die Portugiesen, auf der Höhe der Kapverdischen Inseln weit nach Westen und in ein Seegebiet zu segeln, das die Brutstätte von Tropenstürmen und Hurrikanen ist. Diese fegen westwärts über den Atlantik und stellen eine Heimsuchung für die Karibik und den Golf von Mexiko dar. Unter den Schiffen, die dadurch abgetrieben wurden — um sich zu retten, hatten sie keine andere Wahl, als mit gerefften Segeln vor Wind zu laufen —, war eines, das einige Monate lang zwischen den Westindischen Inseln und dem Festland kreuzte, dann sich auf die Rückfahrt machte. Irgendwo im Westen Madeiras ging das Schiff unter; eine Handvoll kranker und ausgehungerter Männer rettete sich in die Boote. Sie erreichten die zur Madeiragruppe gehörende Insel Porto Santo, auf der Kolumbus mit seiner Frau Felipa de Perestrelo e Moniz (deren Großvater aufgrund großer Verdienste im Rahmen der Entdeckungs- und Kolonisationsgeschichte Portugals von Heinrich dem Seefahrer die erbliche Statthalterwürde über die Insel erhalten hatte) zeitweilig wohnte. Kolumbus nahm die schiffbrüchigen Überlebenden bei sich auf und pflegte sie; doch alle starben. Einer, vielleicht ein genuesischer Navigator, erzählte auf dem Totenbett von einer grünen Insel am äußersten Rand des Archipels, den er für einen Teil Indiens hielt; er übergab Kolumbus auch Karten und das dickleibige Bordbuch. Ist diese Geschichte, die John Dyson in den Mittelpunkt seines insgesamt informativen und hervorragend illustrierten Buches stellt, wirklich glaubhaft oder eher eine Hollywoodstory, in der einige vage Indizien "aufgearbeitet" werden? Schon zur Zeit des Kolumbus gab es Gerüchte, daß dieser über geheimes Wissen verfüge — was die Unbeirrbarkeit seines Willens, den Osten (das heißt Indien beziehungsweise Asien mit Cathay China und CipangoJapan) über den Weg nach Westen zu erreichen, verständlich machte. Dyson erwähnt auch, daß Kolumbus auf der Insel Guadeloupe in einer Eingeborenenhütte einen Eisenkessel und den Achtersteven eines europäischen Schiffes gefunden habe; beide Teile seien zu schwer und zu weit entfernt gewesen, um von der havarierten Santa Maria, dem Flaggschiff des Admirals, stammen zu können.

Die keineswegs neue aber dramaturgisch geschickt präsentierte Mutmaßung des amerikanischen Autors, der mit einer nachgebauten Karavelle 1990 der Route der ersten Kolumbus Entdekkungsfahrt folgte (photographiert von Peter Christopher) — auf den Spuren von Samuel Eliot Morison, der zwischen 1938 und 1940 die Reisen des Entdeckers im karibischen Raum auf speziell ausgerüsteten Schiffen nachvollzog und deren Verlauf minuziös rekonstruierte —, diese als Sensation verkaufte Spekulation stützt sich vorwiegend auf die fünfzehnjährige Forschungsarbeit von Luis Coin Cuenca, einem ehemaligen Offizier der spanischen Handelsmarine, heute Professor für Seefahrtsgeschichte in Cädiz. Die Unstimmigkeiten im "Logbuch" beziehungsweise Diario des Kolumbus (übrigens in einer gut kommentierten Ausgabe von Robert H. Fuson leicht zugänglich, übersetzt von Andreas Venzke, der seinerseits mit zwei gut fundierten Veröffentlichungen am Kolumbus Boom beteiligt ist) ließen sich lösen, wenn man davon ausgeht, daß der meist romantisierte und idealisierte Entdecker stets genau wußte, "wohin er gelangen und was er dort vorfinden würde, weil irgend jemand schon vor ihm dagewesen war". Demnach wäre Kolumbus nicht nur 10 000 Jahre zu spät gekommen — haben doch die amerikanischen Urvölker wohl von Asien her über eine Landbrücke nach Alaska den amerikanischen Kontinent "entdeckt" —, und nicht nur 500 Jahre im Rückstand, denn die Wikinger erreichten um 1000 n. Chr. Baffinland, Labrador und Neufundland; er sei auch in seiner Epoche ein Nach fahrer. Fuson erwähnt Coin Cuenca ebensowenig im Literaturverzeichnis wie die anderen der hier angezeigten Buchautoren; er stellt allerdings fest, daß das Gerücht vom schiffbrüchigen Seemann, den Kolumbus während seiner Zeit auf Porto Santo betrogen haben soll, jeder Grundlage entbehre. Es spielte jedoch insofern eine Rolle, als zu seiner Widerlegung der gefälschte Briefwechsel mit dem Florentiner Arzt und Gelehrten Paolo dal Pozzo Toscanelli entstand. Die Schreiben, erwähnt in der Biographie, die Fernando Colon über seinen Vater schrieb, und in der "Historia de las Indias" des Bartolome de Las Casas (des großen Chronisten der Entdeckung Amerikas und Anwalts der geschundenen Indianer), stellten "eine wissenschaftliche Rechtfertigung für das Unternehmen dar, um auf diese Weise den guten Ruf des Entdeckers zu wahren". Im Gegensatz zu Fuson und anderen bemerkt Eberhard Schmitt in seinen äußerst gründlich edierten und kommentierten "Dokumenten zur Geschichte der europäischen Expansion" — einem Buch, das erstaunlicher- und sträflicherweise bei den erwähnten Autoren, mit Ausnahme von Bitterli und Strosetzki, ungenützt bleibt — : "Die Authentizität der Toscanelli Briefe ist bis heute umstritten; die neuere Forschung neigt dazu, sie für echt zu halten "

Es gibt wohl kaum eine Gestalt der Weltgeschichte, die von derart vielen Legenden, Mutmaßungen, Behauptungen und Fälschungen verhüllt ist, wie die Person des Genuesers; selbst seine Herkunft (wie sein Geburtsdatum, wohl zwischen dem 25. August und 31. Oktober 1451 gelegen) ist mit Fragen verbunden. Nach Kirkpatrick Säle wurden allein im 19. Jahrhundert 253 wissenschaftliche Artikel und Bücher verfaßt, die sich mit dem Geburtsort beziehungsweise land beschäftigten (Unter anderem haben Korsika, Griechenland, Chios, Mallorca, Aragonien, Galicien und Portugal Anspruch erhoben ) Seither ist die Kolumbus Literatur, Spezialfragen wie Allgemeines betreffend, ins schier Unermeßliche gewachsen.

Die von Salvador de Madariaga mit Nachdruck verfochtene These, daß Kolumbus Jude war, Nachfahre einer im 14. Jahrhundert von Spanien nach Italien ausgewanderten, zum Christentum übergetretenen Familie — er somit als converso nach Spanien zurückgekehrt sei —, nennt S. Fischer Fabian in seiner den Farbigkeitsbedarf geschichtlich interessierter Laien gut bedienenden Darstellung "wenig einleuchtend": "Letztlich steht, wenn auch bei ihm vielleicht unbewußt, das Bestreben dahinter, den Genuesen für Spanien zu retten. Wenn er denn, schon kein Spanier war, so ist er eben ein spanischer Jude gewesen Nun hat freilich Simon Wiesenthal in seinem neu aufgelegten Buch mit kriminalistischem Spürsinn neue Materialien vorgelegt. So hätte Kolumbus seiner Mannschaft strengstens befohlen, bereits am Tage vor der Ausfahrt um Mitternacht an Bord zu sein; dies sei möglicherweise darauf zurückzuführen, daß zu dieser Stunde das von dem spanischen Königspaar Ferdinand und Isabella erlassene Dekret, wonach die Juden aus Spanien ausgewiesen werden sollten, in Kraft trat. "Sind die Teilnehmer der Expedition etwa von diesem Dekret betroffen? Gibt es Juden auf den Schiffen des Kolumbus? Gibt es eine Verbindung zwischen seiner Entdeckungsreise und der Austreibung der Juden? Und schließlich: Hängt die Reise überhaupt mit der Judenverfolgung zusammen?" Der Personenkreis, der die Pläne des Kolumbus für seine Entdeckungsreise unterstützte, bestand zum überwiegenden Teil aus Juden und getauften Juden. Luis de Santangel, Ferdinands Günstling, Kanzler der Intendantur des aragonischen Königshauses und Generalzahlmeister in Kastilien (ein reicher converso, dessen Familie zu jenen Juden gehörte, die zu Anfang der Inquisition den Scheiterhaufen hatten besteigen müssen), war der Mann, "der sein Geld und sein Ansehen aufs Spiel setzte, um die Zustimmung zur Expedition von Kolumbus durchzusetzen". Erstaunlich ist auch, daß von den vierzig Briefen und Dokumenten, die erwiesenermaßen die Unterschrift von Kolumbus tragen, alle in kastilischem Spanisch verfaßt sind; auch bei den Randbemerkungen in den Büchern — allein in Pierre dAillys phantasievoller "Imago Mundi" 848 Notizen — verwendete dieser immer das Kastilische.

Unklar ist, warum der junge Webersohn "den Wollfaden mit der Ankertrosse tauschte Kolumbus war in der einen oder anderen Weise zum Seefahrer geworden" (Andreas Venzke). Jedenfalls dürfte er bei seinen Fahrten im Mittelmeer, unter anderem nach Chios, wichtige navigatorische Erfahrungen gesammelt haben, auch wenn es sich vorwiegend um Küstenschiffahrt handelte "Schon von sehr früher Jugend an bin ich zur See gefahren und habe die Schiffahrt betrieben und dies bis heute fortgesetzt. Wer diese Kunst ausübt, den verleitet sie zu dem Wunsch, hinter die Geheimnisse der Welt zu kommen", schreibt Kolumbus 1501 rückblickend. Seine Ankunft in Portugal 1476 hat er, der offensichtlich zwischen Dichtung und Wahrheit wenig unterschied, besonders dramatisiert und stilisiert. Er sei an Bord eines Schiffes, das zu einer nach Flandern und England segelnden genuesischen Flotte gehörte, in der Nähe von Lagos, an der Südküste Portugals, in eine Seeschlacht mit französischen Schiffen geraten; um sich zu retten, sei er ins Wasser gesprungen und mit letzter Kraft, an ein abgerissenes Ruder sich klammernd, ans Ufer geschwommen; er habe es unweit der Stelle (Ponta de Sagres) erreicht, wo Heinrich der Seefahrer sein navigatorisches "Forschungszentrum" eingerichtet hatte. Kolumbus habe eine mächtige Stimme in seinem Innern gehört: ". Lehrte ich dich Kosmographie und Astrologie, nur damit du ein Leben führst wie jeder andere auch? Warin erhebst du dich endlich zur Höhe deiner Seele, wann wirst du deiner eigenen Größe gewahr? Denn du kannst dich höher erheben als die Leuchttürme, als die Pforten und Tore, die einst dein Vater hütete. Wach auf, Christoforo, erwache und diene mir!"

Während Dyson, der mit seiner Kartentheorie den Anspruch auf unkonventionelle Forschungsergebnisse erhebt, diese Legende unkommentiert übernimmt, verweist Kirkpatrick Säle sie in den Bereich des Lächerlichen. Die für seine Argumentation relevanten Quellen sorgfältig belegend — was bei manchen der hier angezeigten Bücher nicht der Fall ist —, zeigt sich Säle, dessen Buch in den USA viel besprochen wurde, überhaupt als Geist, der den Wahrheitsgehalt vieler KolumbusGeschichten verneint:

Die Meuterei der Seeleute bei der ersten Fahrt habe wohl so nicht stattgefunden, der Bericht darüber vielmehr dazu gedient, das heldische Profil des Admirals zu verstärken.